Herzstillstand: Frauen haben geringere Überlebenschancen bei Wiederbelebung
Eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Innsbruck hat alarmierende Ergebnisse zu Tage gefördert: Frauen werden im Notfall offenbar seltener und weniger effektiv wiederbelebt als Männer. Diese Untersuchung bestätigt internationale Studien und zeigt, dass Frauen bei einem Herzstillstand deutlich schlechtere Überlebenschancen haben als ihre männlichen Leidensgenossen.
Studiendesign und Ergebnisse
An der wissenschaftlichen Untersuchung nahmen 164 Studierende der Human- und Zahnmedizin teil, die Reanimationsmaßnahmen an speziellen Übungspuppen durchführten. Mithilfe einer in den Puppen installierten App wurde ein Gesamtscore aus verschiedenen Kriterien berechnet, darunter:
- Drucktiefe bei der Herzdruckmassage
- Qualität der Wiederbelebungsmaßnahmen
- Beatmungsdauer und -frequenz
Die Ergebnisse waren eindeutig: Bei der männlichen Puppe erreichten die Teilnehmer durchschnittlich 80,4 von 100 möglichen Punkten, während bei der weiblichen Puppe lediglich 70,5 Punkte erzielt wurden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Studierenden mit Vorerfahrung, etwa durch eine Sanitäterausbildung.
Ursachen für die Unterschiede
Studienleiterin Sabine Ludwig identifizierte mehrere Faktoren, die zu den schlechteren Ergebnissen bei weiblichen Patienten führen könnten. Ein zentraler Punkt ist die Unsicherheit im Umgang mit weiblichen Patienten während der Reanimation.
Dr. Christina Heßling, Referentin für Ausbildung bei den Maltesern, erklärt: „Eine fremde, nackte Person zu berühren, stellt für viele eine gelernte Hemmschwelle dar. Männer können Angst haben, dass ihnen ein sexueller Übergriff unterstellt wird, wenn sie eine Frau im Notfall entkleiden müssen.“
Die aktuellen Richtlinien zur Herzdruckmassage verlangen jedoch, dass die betroffene Person am Oberkörper vollständig entkleidet wird, um den richtigen Druckpunkt finden zu können. Weitere Unsicherheitsfaktoren, die von Studienteilnehmern genannt wurden, sind:
- Der Umgang mit dem BH während der Reanimation
- Die richtige Handpositionierung bei weiblichen Patienten
- Kulturelle Befangenheit und Schamgefühle
Internationale Studien bestätigen diese Beobachtungen und zeigen, dass Frauen im öffentlichen Raum um 14 Prozent seltener wiederbelebt werden als Männer.
Medizinische Fakten und Prognosen
Medizinisch gesehen gibt es zwischen Männern und Frauen bei der Reanimation keine Unterschiede. Experten der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin in Innsbruck betonen, dass Druckpunkte, notwendige Drucktiefe und auch die Position der Defibrillator-Elektroden bei beiden Geschlechtern identisch sind. Auch das Verletzungsrisiko während der Wiederbelebung sei gleich.
Dennoch haben Frauen grundsätzlich eine schlechtere Prognose bei einer Wiederbelebung, weil bei ihnen seltener ein sogenannter defibrillierbarer Herzrhythmus auftritt, der mit einem Defibrillator behandelt werden kann. Umso wichtiger sind schnelle und qualitativ hochwertige Basismaßnahmen wie Herzdruckmassage und Beatmung.
Zukünftige Maßnahmen und politische Reaktionen
Als Konsequenz aus den Studienergebnissen soll in der medizinischen Ausbildung künftig stärker auf geschlechtersensible Medizin geachtet werden. Sowohl an der Medizinischen Universität Innsbruck als auch beim Roten Kreuz Tirol sollen vermehrt weibliche Reanimationspuppen eingesetzt werden.
Bisher waren solche Modelle kaum verfügbar, weshalb teilweise improvisiert wurde – etwa mit aufgeklebten Brustaufsätzen auf männlichen Puppen. Erst seit Kurzem sind entsprechende weibliche Reanimationspuppen auch am Markt erhältlich.
Die Studie sorgt auch politisch für Aufmerksamkeit. In Österreich, wo die Untersuchung veröffentlicht wurde, betonte Tirols Gesundheitslandesrätin Cornelia Hagele bereits, dass geschlechtersensible Medizin stärker berücksichtigt werden müsse. „Frauen sind in der Medizin oft weniger sichtbar, und das muss sich ändern“, so Hagele.
Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Notwendigkeit, geschlechtsspezifische Unterschiede in der medizinischen Versorgung stärker zu berücksichtigen und entsprechende Schulungsmaßnahmen zu implementieren, um die Überlebenschancen von Frauen bei Herzstillständen zu verbessern.



