LandGesund: Vorpommern wird bundesweite Modellregion für Kindergesundheit
Im städtischen Kulturzentrum von Jarmen fand diese Woche die feierliche Auftaktveranstaltung zum innovativen Gemeinschaftsprojekt „LandGesund“ statt. Die Universitätsmedizin Greifswald und der Verein „Kulturbrücke Peene-Tollense e.V.“ haben sich zusammengeschlossen, um im ländlichen Raum Vorpommerns neue Wege in der Gesundheitsvorsorge für Kinder zu beschreiten. Dieser kleine Landstrich soll als bundesweites Modell für die Medizin der Zukunft dienen, insbesondere was Prävention und Ernährung beim Nachwuchs betrifft.
Feldversuch mit wissenschaftlicher Basis
Das Projekt beteiligt sich am bundesweiten Wissenschaftsjahr 2026 und hat den gesamten Amtsbereich Jarmen-Tutow im Blick. „Die Medizin der Zukunft beginnt bei unserer eigenen Zukunft, nämlich bei unseren Kindern“, betonte Dr. Martin Bahls, Koordinator des Projekts und Uni-Mediziner. In einer Art Feldversuch wollen die Wissenschaftler gemeinsam mit zahlreichen lokalen und externen Partnern Möglichkeiten ausloten, dem Thema Prävention mehr Gewicht zu verleihen.
Die Greifswalder Experten bringen dabei jahrzehntelange Erfahrung mit: Seit fast dreißig Jahren betreiben sie mit „Study of Health in Pomerania“ (SHIP) intensive Forschung zur Volksgesundheit. Diese Studie hat sich zur Untersuchung mit dem weltweit umfangreichsten Programm in einer großflächigen Region entwickelt. Allerdings konzentrierte sich SHIP bisher ausschließlich auf Erwachsene – eine Lücke, die LandGesund nun schließen will.
Alarmierende Zahlen und strukturelle Herausforderungen
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerin für Soziales, Gesundheit und Sport, Stefanie Drese (SPD), verdeutlichte bei der Auftaktveranstaltung die Dringlichkeit des Projekts: „In Mecklenburg-Vorpommern erhalten bereits 5,2 Prozent der Kinder bis 14 Jahre die Diagnose Adipositas. Allein im Vergleich zum Jahr 2005 ist das ein Anstieg um 36,8 Prozent“. Bei Vorschulkindern lag der Anteil Übergewichtiger 2024 sogar bei 13 Prozent – der bundesweit höchste Wert.
Die Zahngesundheit zeigt ebenfalls Defizite: Fast jedes fünfte Kind bis sechs Jahre, das eine Zahnarztpraxis aufsucht, wird wegen Karies behandelt. Drese betonte, dass die Ursachen nicht nur im individuellen Verhalten liegen: „Sie sind oftmals auch strukturell bedingt, gerade im ländlichen Raum, wo Wege länger und Angebote manchmal schwerer erreichbar sind“.
Gemeinschaftsansatz und niedrigschwellige Angebote
Die 2025 gegründete Kulturbrücke Peene-Tollense e.V. erwies sich als idealer Projektpartner. Dr. Martin Weigel, Praxisinhaber in Tutow und Vorstandsmitglied des Vereins, erklärte: „Aus hausärztlicher Sicht sehen wir die Entwicklung mit großer Sorge, aber auch mit klarer Verantwortung vor Ort“. Der Verein hat es geschafft, Kinder- und Bildungseinrichtungen, lokale Mediziner und Verantwortungsträger schnell an einen Tisch zu bringen.
„Gerade im ländlichen Raum sind die Herausforderungen für Kinder und Familien besonders groß – gleichzeitig liegt hier eine enorme Chance, Prävention frühzeitig und gemeinschaftlich zu gestalten“, so Weigel. LandGesund schaffe gezielt niedrigschwellige Angebote und verbinde medizinisches Wissen mit dem Alltag des Nachwuchses.
Spiel, Sport und prominente Unterstützung
Das Projekt setzt auf verschiedene Initiativen zu mehr Bewegung und Aufklärung, beginnend in Kita und Schule. Es nutzt dabei Spiel, Spaß und die natürliche Neugier der Kinder. Mit im Boot sind unter anderem:
- Der Kreissportbund und dessen Mitgliedsvereine vor Ort
- Die Rostock Seawolves, Basketball-Bundesligist aus dem Nordosten
- Nachwuchstrainer, die am Jarmener Schulcampus aktiv werden
Beim festlichen Auftakt im Kulturzentrum sorgten sogar die Maskottchen für Begeisterung: Das mehr als mannsgroße Raubtier-Maskottchen der Rostocker Sportler und Jarmens Stadtbiber „Bibo“ tanzten gemeinsam mit der Ministerin – ein symbolträchtiges Bild für die gelungene Vernetzung.
Bundesförderung und ganzheitlicher Ansatz
LandGesund wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt mit rund 100.000 Euro unterstützt – als eine von nur 25 Initiativen, die aus über 450 Bewerbungen ausgewählt wurden, und als einzige aus Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt ist Teil des Wissenschaftsjahrs 2026 unter dem Motto „Zukunft der Medizin“.
„Die Zukunft ist Prävention“, kommentierte Martin Bahls die Förderung. „Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz von der Zahngesundheit bis hin zur mentalen Gesundheit der Kinder und Jugendlichen“. Bei dieser Zielgruppe sei der Effekt am nachhaltigsten. „Wir machen aus Jarmen eine Modellregion für ganz Deutschland“, versprach der Projektkoordinator voller Überzeugung.
Draußen vor dem Kulturzentrum waren zahlreiche Spiel- und Sportmöglichkeiten aufgebaut, die insbesondere den Nachwuchs begeisterten. Diese praktische Herangehensweise charakterisiert das Projekt: Theorie und Praxis, Wissenschaft und Alltag, medizinisches Wissen und kindliche Lebenswelt sollen hier zusammenfinden – zum Wohl der Gesundheit kommender Generationen in Vorpommern und darüber hinaus.



