Transidentität bei Jugendlichen: Deutlicher Anstieg der Hilfesuchenden
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland sieht sich mit einer wachsenden Zahl von Fällen konfrontiert, in denen Jugendliche mit ihrer Geschlechtsidentität hadern. Fachleute sprechen hier von Transidentität, einem Phänomen, das in den vergangenen Jahren deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten hat. Dies liegt nicht zuletzt an der öffentlichen Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz, wie der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erläutert.
Gesellschaftliche Offenheit und Einflüsse aus sozialen Medien
„Es ist positiv zu bewerten, dass unsere Gesellschaft offener geworden ist und junge Menschen ihre Gefühle heute ohne Scham und Angst vor negativen Konsequenzen äußern können“, betont Roessner, der die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Dresden leitet. Diese Entwicklung führe dazu, dass deutlich mehr Jugendliche – insbesondere während der Pubertät – Beratung und Unterstützung suchen. In einer Phase, in der sich Körper und Selbstbild stark verändern, suchen viele Orientierung im Freundeskreis und in sozialen Medien.
Allerdings weist Roessner darauf hin, dass die starke Präsenz des Themas Transidentität im persönlichen Umfeld und online durchaus beeinflussen kann, wie Körperunsicherheit, Pubertätsstress oder Außenseitergefühle interpretiert werden. Selbstbeschreibungen könnten sich dadurch verstärken, etwa das Gefühl, nicht im „richtigen Körper“ zu leben.
Sorgfältige Abklärung und differenzierte Diagnostik erforderlich
Nicht jedes geschlechtsbezogene Unwohlsein führt zu einem anhaltenden, medizinisch bedeutsamen Leidensdruck, der die Diagnose einer Geschlechtsdysphorie rechtfertigt. Gerade im Jugendalter sei es oft schwierig, verlässlich einzuschätzen, wie stabil ein solches Erleben und der damit verbundene Leidensdruck über einen längeren Zeitraum bleiben, so Roessner. Umso wichtiger seien eine sorgfältige Abklärung und eine umfassende Beratung, um Fälle mit erheblichem Leidensdruck von anderen Entwicklungs- und Belastungsproblemen abzugrenzen.
Medizinische Maßnahmen und ihre weitreichenden Konsequenzen
Mit der wachsenden Zahl an Hilfesuchenden steigt auch der Anteil Minderjähriger, die medizinische Maßnahmen zur Angleichung ihres Körpers an das empfundene Geschlecht wünschen. Dazu zählen beispielsweise Pubertätsblocker, Hormontherapien oder in Einzelfällen auch operative Eingriffe. Solche Interventionen können weitreichende und teilweise irreversible Folgen haben. Gleichzeitig kann aber auch ein abwartendes Vorgehen Risiken und zusätzliche Belastungen für die Betroffenen bedeuten.
Forschungsbedarf und rechtliche Implikationen
Wie groß der Nutzen solcher medizinischen Interventionen bei Minderjährigen tatsächlich ist und wie hoch die möglichen Risiken ausfallen, lässt sich bislang nur begrenzt belastbar beziffern. In der öffentlichen Diskussion werde ein abwartendes, psychosozial begleitendes Vorgehen ohne solche Maßnahmen teils als besonders riskant dargestellt – oft verbunden mit drastischen Zahlen zu Suizidrisiken. „Neuere Studien und Übersichtsarbeiten zeigen jedoch, dass solche Schlussfolgerungen nicht haltbar sind“, erklärt Roessner. Umso wichtiger seien eine transparente Aufklärung über die begrenzte Datenlage und mehr hochwertige Forschung, insbesondere zu langfristigen Verläufen.
Das Thema Transidentität bei Jugendlichen berührt zudem rechtliche Fragen. In der „Zeitschrift für Internationale Strafrechtswissenschaft“ kamen Juristen im Jahr 2025 zu dem Schluss, dass bei Minderjährigen das Sterilisationsverbot verletzt wird, wenn medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung vorgenommen werden – mit möglichen strafrechtlichen Konsequenzen.



