Teurer Widerspruch: Warum steigen die Krankenkassenbeiträge trotz Milliardenüberschuss?
Krankenkassenbeiträge steigen trotz Milliardenüberschuss

Teurer Widerspruch: Warum steigen die Krankenkassenbeiträge trotz Milliardenüberschuss?

Seit einigen Tagen ist bekannt: Die gesetzlichen Krankenkassen haben im Jahr 2025 einen satten Überschuss von rund 3,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Dennoch müssen Millionen gesetzlich Versicherte mit steigenden Beiträgen rechnen. Dieser scheinbare Widerspruch wirft die Frage auf: Wie kann es sein, dass die Kassen gute Zahlen melden, aber auf der Gehaltsabrechnung der Versicherten keine Entlastung spürbar ist? BILD und der Krankenkassen-Experte Dieter Homburg haben nach Antworten gesucht.

Ein Überschuss bedeutet noch keine Entlastung

Laut Bundesgesundheitsministerium erzielten die 93 gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2025 ein Plus von etwa 3,5 Milliarden Euro. Allerdings liegen die Finanzreserven der Kassen nur knapp über dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestniveau. Dies zeigt deutlich: Das Milliarden-Plus ist kein frei verfügbares Polster, sondern Teil eines Systems, das unter erheblichem Druck steht.

Was steckt dahinter? Die Krankenkassen kalkulieren langfristig, und die Kosten steigen seit Jahren schneller als die Einnahmen. Kurzfristige Überschüsse werden daher oft direkt als Reserve eingeplant, um zukünftige Engpässe abzufedern. Beitragserhöhungen bleiben trotz eines Plus möglich. „Ein Überschuss bedeutet also nicht automatisch, dass das System finanziell entspannt ist“, erklärt Kassenexperte Dieter Homburg im Gespräch mit BILD.

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Was treibt die Kosten der Krankenkassen in die Höhe?

Deutschland gehört laut Homburg zu den Ländern mit den meisten Arztbesuchen weltweit: Patienten gehen im Durchschnitt neun bis zehn Mal pro Jahr zum Arzt. Gleichzeitig erhalten Hausärzte für einen gesetzlich Versicherten oft nur 20 bis 30 Euro pro Quartal – unabhängig von der Anzahl der Besuche des Patienten. „Das System bezahlt den Kontakt, nicht die Lösung“, erläutert Experte Homburg.

Die Folge sind kurze Behandlungen und häufige Wiederbesuche. „Wenn Ursachen nicht geklärt werden, kommen Patienten immer wieder. Das treibt die Kosten – nicht die Medizin.“ Allerdings machen den mit Abstand größten Teil der Kosten, nämlich 33 Prozent, die Krankenhäuser aus. Es folgen Ausgaben für Medikamente mit 18 Prozent und dann erst die ambulante Versorgung.

„An den Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen macht die ambulante, ärztliche Versorgung ca. 16 Prozent aus“, bestätigt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums gegenüber BILD. Am teuersten ist die stationäre Behandlung, weil dort sehr viele Leistungen, Berufsgruppen und teure Infrastruktur zusammenkommen. Medikamente und ambulante Versorgung sind dagegen stärker standardisiert, günstiger pro Fall und teilweise budgetiert.

Gehen die Deutschen zu oft zum Arzt?

Die hohen Durchschnittszahlen verzerren das Bild. „Zwei Drittel der gesetzlich Versicherten gehen nur ein bis fünfmal pro Jahr zum Arzt“, betont Thomas Moormann, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale. Bei vielen dieser Praxiskontakte handelt es sich um sinnvolle Impfungen oder Früherkennungsuntersuchungen.

Den Schnitt erhöhen vor allem chronisch und mehrfach erkrankte Menschen mit hohem Behandlungsbedarf, wie etwa Krebspatienten oder Dialysepatienten. Das bedeutet: Nur ein kleiner Teil der Patienten hat sehr viele Arztkontakte.

Dennoch gibt es auch unnötige Arztbesuche. Deren Ursachen liegen meistens im System. „Wegen Fehlanreizen in der Vergütung bestellen Arztpraxen die Patienten unnötig oft ein, das führt zu überflüssigen Terminen und Untersuchungen“, erklärt Moormann. Auch mangelnde Koordination führt zu Doppeluntersuchungen.

Fazit des Verbraucherschützers: Nicht die Patienten sind das Problem, sondern Strukturen und Fehlanreize im Gesundheitssystem. „Daran muss die Politik arbeiten, damit die Versorgung zielgenauer und bedarfsgerechter wird, auch im Krankenhausbereich. Dann lässt sich auch Geld sparen.“

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Teure Strukturen und fehlende Abstimmung

Finanzexperte Homburg sieht mangelnde Koordination als weiteres Problem: Patienten wechseln oft zwischen verschiedenen Ärzten, Untersuchungen werden doppelt durchgeführt. Gleichzeitig wird Prävention bislang wenig priorisiert, obwohl sie langfristig Kosten senken könnte. Auch der demografische Wandel, teurere Behandlungen und steigende Personalkosten im Gesundheitswesen erschweren die finanzielle Lage.

Zusätzliche Kosten verursachen die mehr als 90 gesetzlichen Krankenkassen selbst – mit jeweils eigenen Verwaltungen und IT-Strukturen. „Wir leisten uns ein teures System, aber nicht automatisch ein effizientes“, sagt Homburg. „Wir haben kein Geldproblem, sondern ein Strukturproblem.“

Die düstere Prognose lautet deshalb: Für Versicherte dürften die Beiträge auch in Zukunft eher teurer als günstiger werden.