Faktencheck: Verursachen Corona-Impfungen wirklich 'Turbokrebs'?
Corona-Impfungen und 'Turbokrebs': Faktencheck

Corona-Impfungen und die Behauptung des 'Turbokrebs': Ein umfassender Faktencheck

Seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren in sozialen Netzwerken hartnäckige Behauptungen, dass Impfstoffe schwere Erkrankungen wie Krebs verursachen könnten. Insbesondere der Begriff 'Turbokrebs' wird von Impfgegnern verwendet, um vor angeblich aggressiveren Tumorarten zu warnen, die sich schneller ausbreiten sollen. Doch wie belastbar sind diese Aussagen wirklich? Anlässlich des Weltkrebstages haben wir die Fakten geprüft.

Die wissenschaftliche Perspektive: Kein Zusammenhang nachweisbar

Der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl antwortet auf die Frage, ob Impfungen aktuell mit schweren Erkrankungen wie Krebs in Zusammenhang stehen, mit einem deutlichen 'Nein'. Er erklärt, dass die Ursache dieser Behauptungen bei Corona-Impfungen auf der Technologie der Vakzine basiert. Weil diese auf der genetischen Information des Virus beruhen, sei die Theorie aufgekommen, dass sich diese Erbinformation in das Genom menschlicher Zellen integrieren und so Mutationen auslösen könnte, die Zellen zu Krebszellen machen. Watzl betont jedoch, dass gut gemachte epidemiologische Studien diese Theorie widerlegt haben.

Eine kürzlich in der Fachzeitschrift 'Biomarker Research' veröffentlichte Studie aus Südkorea untersuchte Krebsdiagnosen an Prostata, Lunge oder Schilddrüse bei geimpften und ungeimpften Personen. Sie zeigte eine statistische Verbindung, was jedoch nicht bedeutet, dass die Impfung die Ursache ist. Die Studie weist methodische Mängel auf, und bereits im Herbst 2025 wurde eine Warnung hinzugefügt, die Ergebnisse kritisch zu überprüfen. Watzl erklärt, dass geimpfte Personen oft älter sind und Vorerkrankungen haben, was generell ein erhöhtes Krebsrisiko mit sich bringt. Häufigere Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen führen dazu, dass Krebs früher erkannt wird, was die höhere Diagnoserate bei Geimpften erklärt.

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Weitere Studien und der Begriff 'Turbokrebs'

Watzl verweist auf eine Studie aus Frankreich, bei der geimpfte und ungeimpfte Personen besser vergleichbar waren. Das Ergebnis: Die krebsbedingten Todesfälle in der Gruppe der Geimpften waren nicht erhöht. Der Begriff 'Turbokrebs' ist kein medizinisch anerkannter Fachausdruck. Weder medizinische Fachgesellschaften noch staatliche Institutionen verwenden ihn im Kontext der Krankheit. Nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur wurde die Wortkreation von einem Rechtsanwalt geprägt.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) konnte während der Corona-Pandemie keinen Anstieg von Tumorbefunden infolge der Impfung beobachten. Auch Ende Januar 2026 finden sich auf der DGHO-Webseite keine Einträge zum Suchbegriff 'Turbokrebs'. Watzl verweist auf das Jahr 2021, in dem mehr als 60 Millionen Menschen in Deutschland gegen Corona geimpft wurden. Danach seien 'die Krebsraten nicht in die Höhe geschnellt'. Das Robert Koch-Institut (RKI) erklärt, dass es auch nach der Verabreichung von Milliarden Dosen weltweit keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, dass Impfstoffe Krebs auslösen.

Wer verbreitet diese Fehlinformationen und warum?

In seiner Doktorarbeit 'Medizinische Fehlinformationen in den sozialen Medien' (2025) analysiert der Hamburger Rechtsanwalt Jan-Henning Steeneck, wer hinter solchen Behauptungen steckt. Er identifiziert überwiegend Gesundheitslaien und Amateure, die Inhalte ohne medizinische Qualifikation und redaktionelle Standards erstellen. Diese 'neuen Akteure der Wissenschaftskommunikation' organisieren sich in sozialen Netzwerken. Zudem kommen ehemalige Experten und Ärzte infrage, die durch ihren formalen wissenschaftlichen Hintergrund den Mythen eine scheinbare Legitimität verleihen. Prominente und Politiker nutzen ihre Reichweite, um solche Narrative zu verstärken.

Steeneck sieht unterschiedliche Gründe für die Verbreitung: Nicht immer stehen böse Absichten dahinter. Ein erheblicher Teil, wie etwa Eltern in privaten Chatgruppen, hält die Informationen selbst für wahr und handelt aus fehlgeleiteter Sorge oder dem Wunsch zu helfen. Dazu kommen Akteure, die mit der Verbreitung von Fehlinformationen Geld verdienen oder ideologische und politische Ziele verfolgen, um das Vertrauen in Regierungen, Behörden oder die Wissenschaft zu untergraben.

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Impfungen können sogar vor Krebs schützen

Einige Impfungen haben laut RKI einen gegenteiligen Effekt: Sie schützen vor Infektionen, die Krebs verursachen können. Die HPV-Impfung kann beispielsweise die Entwicklung von Gebärmutterhalskrebs verhindern, und die Hepatitis-B-Impfung kann das Entstehen von Leberkrebs reduzieren. Dies unterstreicht den positiven Nutzen von Impfungen im Kampf gegen Krebs.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Behauptungen über 'Turbokrebs' durch Corona-Impfungen wissenschaftlich nicht haltbar sind. Experten und Studien widerlegen sie klar, und der Begriff selbst ist eine Erfindung ohne medizinische Basis. Es ist wichtig, sich auf fundierte Informationen zu stützen und Fehlinformationen kritisch zu hinterfragen.