Darmkrebsvorsorge in Mecklenburg-Vorpommern: Mit der Kamera gegen die zweithäufigste Krebstodesursache
Im Behandlungszimmer des Helios Hanseklinikums Stralsund blickt Chefarzt Stefan Ziemer konzentriert auf den Monitor. Sein 1,40 Meter langes Endoskop hat gerade den Übergang vom Dick- zum Dünndarm erreicht. Langsam zieht er das Gerät zurück und beginnt die systematische Untersuchung. Auf dem Bildschirm erscheint ein rötlicher Tunnel mit feinen Blutgefäßen, Verengungen und natürlichen Ausbuchtungen. Nach nicht einmal dreißig Minuten ist die Reise durch den Dickdarm seines Chefs German Horn beendet - mit einem erfreulichen Ergebnis: keine Anzeichen für Darmkrebs oder dessen Vorstufen.
Chefarzt wird selbst Patient: Persönliche Erfahrung mit der Vorsorge
„Viel zu kurz war das“, scherzt German Horn nach dem Aufwachen aus der Sedierung. Der Gastroenterologe, der normalerweise selbst Darmspiegelungen durchführt, hat gerade eine besondere Erfahrung gemacht: Als 50-Jähriger ließ er sich erstmals im Rahmen der gesetzlichen Krebsvorsorge koloskopieren. „Was soll es? Ja, jetzt lass' Dich selber koloskopieren“, begründet er seine Entscheidung. Horn träumte während des Eingriffs von einer bevorstehenden Argentinienreise - von der Untersuchung selbst bekam er nichts mit.
Seit April des Vorjahres haben sowohl Männer als auch Frauen ab 50 Jahren Anspruch auf eine Darmspiegelung zur Krebsfrüherkennung. Bei unauffälligem Befund folgt die nächste Untersuchung erst nach zehn Jahren. Diese regelmäßige Vorsorge könnte laut aktueller Forschung zahlreiche Leben retten.
Alarmierende Zahlen: Darmkrebs als zweithäufigste Krebstodesursache
Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) verdeutlicht die Dimension: „Darmkrebs ist die Krebsart mit den zweithäufigsten Todesfällen deutschlandweit sowie weltweit“. In Deutschland sterben jährlich etwa 23.000 Menschen an dieser Erkrankung - fast zehnmal so viele wie durch Verkehrsunfälle. Besonders tragisch: Kaum eine andere bösartige Tumorerkrankung lässt sich im Frühstadium so sicher erkennen und behandeln.
In Mecklenburg-Vorpommern leben derzeit etwa 7.550 Menschen mit der Diagnose Darmkrebs. Jährlich kommen rund 1.200 Neuerkrankungen hinzu. Die Vorsorgeuntersuchungen könnten viele dieser Fälle verhindern, betonen Experten.
Persönliche Erfahrungen: Vom Patienten zum Vorsorge-Befürworter
Wolf-Rüdiger aus Stralsund erhielt seine Darmkrebsdiagnose 2021, kurz nach seinem Berufsausstieg nach 49 Arbeitsjahren. Zunächst dachte der ehemalige Elektromonteur an Hämorrhoiden. „Dann kam die Diagnose: Darmkrebs. Hat man eine Chance zum Überleben? Das war die erste Frage“, erinnert sich der heute 71-Jährige. Nach Operation und Chemotherapien, die teilweise zu Gefühlsstörungen in Händen und Füßen führten, ist er heute krebsfrei. Seine damalige Zurückhaltung bei Vorsorgeuntersuchungen bereut er: „Man sollte hingehen.“
Studie belegt: Über 80 Prozent weniger Todesfälle durch Vorsorge
Eine Anfang des Jahres veröffentlichte Simulationsstudie, an der auch Hermann Brenner mitwirkte, zeigt beeindruckende Zahlen: Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen können mehr als 80 Prozent der Darmkrebs-Sterbefälle verhindern. Die Studie basiert auf realen Daten zur Häufigkeit positiver Befunde und zur Wirksamkeit medizinischer Eingriffe.
Chefarzt Horn erklärt den besonderen Ansatz der Darmkrebsvorsorge: „Wir machen uns auf die Suche nach Polypen, und Polypen sind die Vorgänger von Darmkrebs“. Damit setzt die Prävention noch vor der eigentlichen Krebsfrüherkennung an. Risikofaktoren wie familiäre Veranlagung, Rauchen, Übergewicht oder hoher Konsum von rotem Fleisch können das Erkrankungsrisiko erhöhen. Neue Forschung deutet zudem auf mögliche Zusammenhänge mit stark verarbeiteten Fertignahrungsmitteln hin.
Kombination von Methoden erhöht Wirksamkeit weiter
Die Studie untersuchte nicht nur Darmspiegelungen, sondern auch Stuhlbluttests, die gesetzlich Versicherte ab 50 alle zwei Jahre in Anspruch nehmen können. Eine Kombination beider Methoden reduziert die Darmkrebssterbefälle laut Simulation um beeindruckende 89 Prozent. Die Stuhlbluttests erkennen nicht sichtbares Blut im Stuhl - ein mögliches Frühwarnzeichen.
Schwerins Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) betont: „Eine Vorsorgeuntersuchung ist nicht sonderlich angenehm“. Doch sie sei deutlich weniger schmerzhaft oder angsterfüllend als eine spätere Krebsbehandlung.
Alltag einer Darmspiegelung: Vorbereitung und kleine Belohnungen
German Horn konnte noch am Vorabend seiner Untersuchung arbeiten. Die Vorbereitung umfasste jedoch strenge Regeln: Nur bestimmte Getränke waren erlaubt, feste Nahrung tabu, dazu eine Darmentleerungslösung. Nach der erfolgreichen Untersuchung hatte der Chefarzt daher klare Prioritäten: „Einen Espresso und eine Tafel Schokolade.“
Die positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte geben Anlass zur Hoffnung: Die Sterberate an Darmkrebs ist heute um über 40 Prozent niedriger als zu Beginn des Jahrtausends. Die verbesserte Vorsorge hat daran laut Experten einen „ganz großen Anteil“. Für die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern und bundesweit bleibt die Botschaft klar: Die unangenehme, aber kurze Untersuchung kann lebensrettend sein.



