Ein schrilles Pfeifen im Urwald oder ein tiefes Grollen in der Savanne – für den Laien klingen diese Laute nach zufälligen Tiergeräuschen. Doch Forscher haben herausgefunden, dass dahinter weit mehr steckt: Tiere rufen sich gegenseitig beim Namen. Dieses Phänomen ist weiter verbreitet als bislang angenommen und betrifft unter anderem Elefanten, Papageien, Delfine und Weißbüschelaffen.
Papageien: Mehr als nur Nachahmer
Papageien gelten als Sprachkünstler, doch können sie Worte auch verstehen? Wissenschaftler haben die Laute von 884 Papageien aus 89 Arten analysiert und kamen zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Die Vögel nutzen Namen gezielt in passenden Situationen: zur Begrüßung, zum Abschied oder als Reaktion, wenn sie selbst angesprochen werden. Sie benennen nicht nur Menschen und Artgenossen, sondern auch sich selbst oder Gegenstände. Für die Forscher ist dies ein starkes Indiz, dass Papageien Laute nicht nur nachahmen, sondern zumindest teilweise deren Bedeutung erfassen.
Delfine: Individuelle Pfeifsignale
Delfine kommunizieren ebenfalls mit individuellen Signalen. Jeder Delfin besitzt eine eigene Pfeifsequenz, die wie ein akustischer Name fungiert. Andere Delfine können diesen Laut imitieren und so das entsprechende Tier gezielt rufen. Vor allem männliche Delfine nutzen diese Namensgebung für enge Freundschaften und Allianzen. Die individuellen Signale helfen ihnen, ihr komplexes soziales Netzwerk zu organisieren und den Überblick zu behalten.
Weißbüschelaffen: Kleine Affen mit großen Namen
Eine Studie der Hebräischen Universität Jerusalem, veröffentlicht im Fachjournal „Science“, zeigt, dass auch Weißbüschelaffen individuelle Laute wie Namen verwenden. Die nur 16 bis 20 Zentimeter großen Tiere stoßen schnelle, laute Rufreihen aus. Ein Computerprogramm half den Forschern, die Unterschiede in den Rufen zu erkennen. Dabei stellte sich heraus, dass die Affen in Familienverbänden gezielt mit individuellen Lauten angesprochen werden. Die angesprochenen Tiere reagieren deutlich häufiger, wenn sie direkt „beim Namen“ gerufen werden, während sie auf allgemeine Rufe oft nicht reagieren.
Namen als Kitt der Gruppe
Der Grund für dieses Verhalten liegt im Alltag der Weißbüschelaffen. Sie leben in engen Familiengruppen mit bis zu 15 Tieren in den Baumkronen Brasiliens. Auf der Suche nach Nahrung legen sie kletternd und springend große Strecken zurück. Um den Kontakt zu halten, rufen sie sich immer wieder mit sogenannten Phee-Lauten. Diese Laute stärken die Bindung innerhalb der Gruppe. Bereits als Jungtiere lernen die Affen von ihren Eltern und entwickeln so ihre eigenen Laute – ähnlich wie bei Menschen die erlernte Kommunikation einfache Babylaute ersetzt.
Elefanten: Eigene Namen ohne Nachahmung
Afrikanische Elefanten nutzen ebenfalls individuelle Rufe. Sie kommunizieren mit tiefen, grollenden Lauten, um gezielt andere Herdenmitglieder anzusprechen. Anders als Delfine imitieren sie jedoch nicht den Laut des anderen, sondern verwenden eigene, feste Lautmuster – ähnlich wie menschliche Namen.
Was dies über Sprache verrät
Für Forscher sind diese Erkenntnisse ein wichtiger Baustein. Sie zeigen, dass komplexe Kommunikation im Tierreich weiter verbreitet ist als gedacht. Insbesondere die Studien zu Weißbüschelaffen deuten darauf hin, dass Tiere ähnliche soziale Herausforderungen bewältigen wie frühe Menschen. Dies könnte helfen, die Ursprünge unserer eigenen Sprache besser zu verstehen.



