Frühaufsteher-Mythos entlarvt: Warum frühes Aufstehen für viele Menschen ungesund ist
Wer früh aufsteht, gilt in unserer Gesellschaft oft als diszipliniert und erfolgreich. Doch Schlafexperten wie der Schlafpsychologe Günther Amann-Jennson aus Frastanz in Vorarlberg warnen: Für viele Menschen kann frühes Aufstehen gesundheitliche Risiken bergen. „Diese ganze Bewegung beruht eigentlich auf der Annahme, dass früher Aufstehen Disziplin erzeugt und die Disziplin automatisch zum Erfolg führt“, sagt Amann-Jennson. Der Denkfehler liege darin, Disziplin über die Biologie zu stellen, denn Schlaf folge eindeutig biologischen Gesetzen.
Die innere Uhr und Chronotypen: Lerchen, Eulen und Tauben
Grundsätzlich unterscheidet die Forschung zwischen Tag- und Nachtmenschen. „Die Lerchen stehen in der Früh gerne auf, die haben nach dem Aufstehen gleich Appetit und die sind geistig und körperlich in der Früh leistungsfähig“, erklärt die Neurologin Birgit Högl von der Medizinischen Universität Innsbruck. „Die Eulen schlafen gerne ein wenig länger und sind dann am Nachmittag auf ihrem geistigen Höhepunkt.“ Laut Amann-Jennson sind etwa 20 bis 25 Prozent der Menschen ausgeprägte Lerchen und rund 20 bis 30 Prozent ausgeprägte Eulen. Der größte Teil der Bevölkerung – etwa 50 Prozent – liegt dazwischen und wird als intermediärer Chronotyp, auch Taube genannt, eingeordnet.
Warum das Frühaufsteher-Erfolgsrezept oft scheitert
Frühes Aufstehen ist nicht immer mit dem Alltag und der empfohlenen Schlafzeit von sieben bis neun Stunden vereinbar. Wer um 5 Uhr aufstehen will, müsste gegen 21 Uhr ins Bett gehen. „Für Frühmenschen, die gerne früh ins Bett gehen, mag das eine Option sein, wenn man die Gesamtschlafdauer berücksichtigen kann, aber für Abendmenschen nicht“, so Högl. Statt gegen das Schlafbedürfnis anzukämpfen, rät Amann-Jennson, Schlaf als Grundlage von Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit zu verstehen. „Wer Schlaf als Grundlage von Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Zufriedenheit versteht, der findet natürlich langfristig einen viel besseren Weg als über einfache Erfolgsrezepte“, sagt er.
Vier Voraussetzungen für erholsamen Schlaf
Die teure dreifach gepolsterte Matratze spielt nach Amann-Jennson eine geringere Rolle für guten Schlaf. Stattdessen nennt Högl vier entscheidende Faktoren:
- Dunkelheit: Im Schlafzimmer sollte es möglichst dunkel sein. Rollos, blickdichte Vorhänge oder eine Schlafmaske können helfen.
- Stille: Für einen ausgeruhten Schlaf sollte es so still wie möglich sein, da selbst kleine Lärmquellen den Schlaf unterschwellig stören können.
- Temperatur: Die Schlafzimmertemperatur sollte nicht zu warm sein, da man am besten einschläft, wenn die Körperkerntemperatur absinkt.
- Ernährung: Die letzte Mahlzeit sollte nicht zu spät abends oder zu knapp vor der Einschlafzeit sein, aber auch nicht mit komplett leerem Magen ins Bett gehen.
Gesundheitsrisiken durch Schlafmangel
Wer zu wenig schläft, riskiert laut Högl Beeinträchtigungen des Arbeitsgedächtnisses, des Sprachflusses, der Emotionsregulation oder der Entscheidungsfähigkeit. Langzeitstudien zeigen, dass Menschen, die chronisch zu wenig schlafen, ein höheres Risiko für Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck haben. „Aus biologischer Sicht haben 95 Prozent der Menschen einen unzureichenden Schlaf, von klein bis groß“, sagt Amann-Jennson. Schlafmangel sei nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem, das sich auf das soziale Miteinander auswirkt: „Die Müdigkeit führt Menschen dazu, weniger empathisch und dafür viel aggressiver zu werden.“



