Medizinisches Cannabis: Keine wissenschaftlichen Belege für psychische Erkrankungen
Der Einsatz von medizinischem Cannabis boomt in Deutschland seit der Legalisierung 2017, doch eine umfassende internationale Studie stellt nun die Wirksamkeit bei psychischen Erkrankungen infrage. Forschende der Universität Sydney kommen in einer im Fachjournal »The Lancet Psychiatry« veröffentlichten Meta-Analyse zu dem Schluss, dass es keine belegbaren Nutzen bei Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen gibt.
Größte Meta-Analyse ihrer Art mit ernüchterndem Ergebnis
Das Forschungsteam wertete Daten aus 54 klinischen Studien mit insgesamt 2477 Patienten aus dem Zeitraum von 1980 bis 2025 aus. Nach eigenen Angaben handelt es sich um die bisher größte Analyse dieser Art. „Der routinemäßige Konsum von medizinischem Cannabis könnte mehr schaden als nützen“, fasst der federführende Autor Jack Wilson die Ergebnisse zusammen. Das Risiko bestehe darin, dass wirksamere Therapien verzögert oder unerwünschte Nebenwirkungen ausgelöst werden könnten.
Leichte Effekte bei Autismus, aber niedrige Beweislage
Einen gewissen Nutzen könnten Cannabisprodukte laut der Studie bei Autismus, Schlaflosigkeit oder dem Tourette-Syndrom haben. Allerdings betonen die Forschenden, dass die Qualität der Befunde für diese Erkrankungen niedrig sei. „Ohne hochwertige medizinische Unterstützung oder begleitende Therapie ist der Einsatz von medizinischem Cannabis in diesen Fällen selten gerechtfertigt“, so Wilson.
Bei nicht-psychischen Leiden sieht die Lage anders aus: Zur Linderung von Anfällen bei bestimmten Epilepsieformen, zur Verringerung von Spastiken bei Multipler Sklerose oder zur Behandlung einiger Schmerzarten sei durchaus ein Nutzen nachweisbar.
Deutsche Expertin übt methodische Kritik
Kirsten Müller-Vahl, Expertin für Cannabis in der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, sieht Schwächen in der Studie. Die Cannabinoide THC und CBD hätten teils sehr unterschiedliche und sogar gegensätzliche Wirkungen bei Psychosen oder Angststörungen, würden aber in der Analyse pauschal gemeinsam bewertet.
„Eine weitere Schwäche der Übersicht ist die Vermischung verschiedener Angststörungen“, sagte Müller-Vahl der Nachrichtenagentur dpa. So erfolgte eine gemeinsame Auswertung für generalisierte und soziale Angststörungen. Die Expertin hält die in der Studie ausgesprochene Warnung vor cannabisbasierten Medikamenten für unbegründet.
Müller-Vahl war nicht an der australischen Studie beteiligt, engagiert sich aber seit Jahren in Fachorganisationen, die Cannabismedikamente erforschen, und sitzt im medizinischen Beirat eines Cannabis-Unternehmens.
Bundesregierung plant Verschärfungen bei Verschreibung
Seit April 2024 fällt Medizinal-Cannabis nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz. Die aktuelle Bundesregierung hat jedoch Verschärfungen auf den Weg gebracht, um Missbrauch einzudämmen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kritisierte, es sei heute möglich, „mit wenigen Klicks“ Cannabis als Medizin zu bekommen.
Der Import von Cannabis zu medizinischen Zwecken ist stark angestiegen – nach Angaben des Gesundheitsministeriums im ersten Halbjahr 2025 um über 400 Prozent auf rund 80 Tonnen. „Der massive Zuwachs der Importe von Cannabis sowie die Verordnungspraxis im Internet erfordern politisches Handeln“, betonte Warken.
Den Plänen zufolge soll künftig eine Verschreibung nur in einer Videosprechstunde gesetzlich ausgeschlossen werden. Der Online-Versand von Cannabisblüten soll unterbunden werden, stattdessen sollen sie in Apotheken mit Aufklärung und Beratung erhältlich sein.
SPD lehnt geplante Verschärfungen ab
Ob die Verschärfungen tatsächlich durchgesetzt werden, scheint ungewiss. Die SPD-Bundestagsfraktion will dem Entwurf von Gesundheitsministerin Warken in seiner aktuellen Form nicht zustimmen. Carmen Wegge, rechtspolitische Sprecherin der SPD, kritisiert, der Vorschlag greife in die Berufsfreiheit von Ärzten und in die Handlungsfreiheit von Patienten ein. Zudem würden die geplanten Maßnahmen die Versorgung für chronisch kranke und mobilitätseingeschränkte Menschen verschlechtern.



