Wissenschaftlicher Durchbruch: Ursache für seltene Impfnebenwirkung identifiziert
Während der Coronavirus-Pandemie sorgten extrem seltene Fälle von Hirnthrombosen nach Impfungen mit Vektor-Impfstoffen für Verunsicherung. Jetzt hat ein internationales Forschungsteam den genauen Mechanismus aufgeklärt, der zu dieser gefährlichen Nebenwirkung führte. Die im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlichten Ergebnisse könnten entscheidend dazu beitragen, künftige Impfstoffe sicherer zu gestalten.
Die historischen Fallzahlen und betroffenen Impfstoffe
Die ersten Berichte über Hirnthrombosen nach Impfungen mit dem Vaxzevria-Impfstoff von AstraZeneca tauchten im Frühjahr 2021 auf. Das Paul-Ehrlich-Institut dokumentierte bis Ende Mai 2021 bei etwa 9,2 Millionen verabreichten Dosen insgesamt 106 bestätigte Fälle in Deutschland, von denen 21 tödlich endeten. Auch der weniger häufig eingesetzte Impfstoff von Johnson & Johnson zeigte ähnliche, wenn auch seltener auftretende Nebenwirkungen. Beide Präparate sind mittlerweile nicht mehr auf dem Markt erhältlich.
Die betroffenen Patienten entwickelten das sogenannte impfinduzierte Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS), das durch gefährliche Blutgerinnsel bei gleichzeitig niedrigem Blutplättchenspiegel gekennzeichnet ist. Bemerkenswert war, dass diese spezifische Nebenwirkung ausschließlich bei Vektor-Impfstoffen auftrat, während mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna davon nicht betroffen waren.
Der entscheidende Mechanismus: Transportmittel statt Wirkstoff
Die Forschungsarbeit enthüllte einen überraschenden Befund: Nicht der eigentliche Wirkstoff der Impfung – Erbgut für ein Coronavirus-Oberflächenprotein – löste die gefährliche Immunreaktion aus, sondern das Transportmittel selbst. Vektor-Impfstoffe nutzen modifizierte Adenoviren als Vehikel, um den Impfstoff in die Zellen zu bringen.
Das Problem lag in der molekularen Ähnlichkeit zwischen einem Abschnitt des Adenovirus-Proteins VII und dem menschlichen Plättchenfaktor PF4, einem wichtigen Bestandteil des Blutgerinnungssystems. Bei Personen mit einer bestimmten genetischen Veranlagung führte die Impfung zur Bildung von Antikörpern gegen diesen körpereigenen Faktor.
Diese Antikörper aktivierten daraufhin die Produktion von Blutplättchen, was paradoxerweise zu potenziell tödlichen Blutgerinnseln im Gehirn bei gleichzeitigem Mangel an freien Blutplättchen führte. „Jetzt können wir die verantwortliche Stelle im Protein VII des Impfstoffs gezielt verändern und Vektor-Impfstoffe für alle sicherer machen“, erklärt Professor Andreas Greinacher, einer der vier Studienleiter, der bereits 2021 erste Erklärungsansätze für diese Nebenwirkung vorgelegt hatte.
Bedeutung für die zukünftige Impfstoffentwicklung
Die wissenschaftliche Aufklärung dieses Mechanismus markiert einen wichtigen Meilenstein in der Impfstoffforschung. Die Erkenntnisse ermöglichen es nun, gezielte Modifikationen an Vektor-Impfstoffen vorzunehmen, um diese seltene, aber gefährliche Nebenwirkung künftig vollständig zu vermeiden.
Trotz dieser seltenen Komplikationen bleibt festzuhalten, dass Coronaimpfungen weltweit Millionen von Todesfällen verhindert haben. Die Ständige Impfkommission empfiehlt weiterhin bestimmten Risikogruppen – darunter Menschen ab 60 Jahren sowie Personen mit Immunschwäche oder bestimmten Grunderkrankungen – regelmäßige Auffrischungsimpfungen.
Die aktuelle Forschung unterstreicht die Bedeutung kontinuierlicher wissenschaftlicher Überwachung und Verbesserung von Impfstoffen, um sowohl maximale Wirksamkeit als auch größtmögliche Sicherheit für alle Bevölkerungsgruppen zu gewährleisten.



