Schweizer Studie entlarvt Frühjahrsmüdigkeit als Mythos: Keine empirischen Belege gefunden
Frühjahrsmüdigkeit ist ein Mythos laut Schweizer Studie

Frühjahrsmüdigkeit entpuppt sich als kultureller Mythos

Viele Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz klagen regelmäßig im Frühjahr über Erschöpfung und Müdigkeit - ein Phänomen, das hierzulande sogar einen eigenen Namen trägt: Frühjahrsmüdigkeit. Doch eine aktuelle Studie aus der Schweiz kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Es handelt sich dabei nicht um ein biologisches Phänomen, sondern um einen fest etablierten Mythos.

Umfangreiche Studie widerlegt gängige Annahmen

Die Psychologin Christine Blume vom Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel und der Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital Bern haben in einer zweijährigen Untersuchung das Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit wissenschaftlich überprüft. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im renommierten Journal of Sleep Research.

Die Studie umfasste eine detaillierte Langzeitbefragung von 418 Personen über ein komplettes Jahr hinweg. Alle sechs Wochen gaben die Teilnehmer Auskunft über ihren Schlaf, ihre Müdigkeit und ihr allgemeines Befinden. Obwohl fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) angab, selbst von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein, fanden die Forscher in den gesammelten Daten keinerlei Hinweise auf dieses vermeintliche Phänomen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Keine biologischen Grundlagen nachweisbar

Die Wissenschaftler überprüften verschiedene mögliche Erklärungsansätze für die Frühjahrsmüdigkeit. Dazu gehörten:

  • Die Theorie der sich weitenden Blutgefäße bei steigenden Temperaturen
  • Vermutete hormonelle Veränderungen nach dem Winter
  • Angeblich erhöhte Melatonin-Spiegel (das sogenannte "Nachthormon")

Christine Blume erklärt dazu: "Aus chronobiologischer Sicht ist die Annahme eines Melatonin-Überschusses zum Winterende völlig unplausibel. Melatonin wird im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut. Eine Art Überschuss, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, existiert nicht."

Die Daten zeigten weder vermehrte Erschöpfung noch erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität im Frühjahr. Selbst die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge im Frühling ändert, hatte keinen messbaren Einfluss auf die Müdigkeit der Studienteilnehmer.

Psychologische Mechanismen als wahre Ursache

Die Forscher identifizierten mehrere psychologische Mechanismen, die den Glauben an die Frühjahrsmüdigkeit erklären könnten:

  1. Labeling-Effekt: Der fest etablierte Begriff "Frühjahrsmüdigkeit" macht Menschen empfänglicher für entsprechende Wahrnehmungen
  2. Nocebo-Effekt: Negative Erwartungen beeinflussen die Interpretation von Befindlichkeiten
  3. Kognitive Dissonanzreduktion: Die Frühjahrsmüdigkeit bietet eine Erklärung, wenn die erwartete Energie für Frühlingsaktivitäten ausbleibt

"Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher 'Symptome'", erläutert Blume den psychologischen Hintergrund.

Kulturelles Phänomen mit regionaler Begrenzung

Interessanterweise ist das Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit außerhalb des deutschsprachigen Raums kaum bekannt. Während im Englischen der Begriff "spring fever" existiert, wird dieser nicht mit Müdigkeit, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie assoziiert.

Blume bestätigt: "Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die." Dies unterstreicht die kulturelle Dimension des Phänomens, das offenbar spezifisch für Deutschland, Österreich und die Schweiz ist.

Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie stark kulturelle Konzepte unsere Wahrnehmung beeinflussen können. Was viele Menschen als biologisch bedingte Frühjahrsmüdigkeit erleben, entpuppt sich bei genauer wissenschaftlicher Betrachtung als psychologisch-kulturelles Konstrukt ohne empirische Grundlage.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration