Schweizer Studie entlarvt Frühjahrsmüdigkeit als Mythos ohne wissenschaftliche Grundlage
Frühjahrsmüdigkeit ist laut Studie ein reiner Mythos

Frühjahrsmüdigkeit entpuppt sich als wissenschaftlich nicht belegtes Phänomen

Viele Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz klagen regelmäßig über Erschöpfung und Müdigkeit zu Beginn des Frühlings. Doch eine aktuelle Studie der Universitäten Basel und Bern kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Das vielbeschworene Phänomen der Frühjahrsmüdigkeit existiert wissenschaftlich betrachtet gar nicht.

Umfangreiche Langzeitstudie widerlegt gängige Annahmen

Die Psychologin Christine Blume vom Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel und der Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital Bern führten über ein Jahr hinweg detaillierte Befragungen durch. Insgesamt 418 Teilnehmer machten alle sechs Wochen Angaben zu ihrem Schlafverhalten, ihrer Müdigkeit und ihrem allgemeinen Befinden.

„Fast die Hälfte der Befragten gab an, selbst von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein“, erklärt Studienleiterin Blume. „Doch unsere Auswertung der Daten über den gesamten Jahresverlauf zeigte keinerlei Hinweise auf vermehrte Erschöpfung, erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität im Frühjahr.“

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Biologische Erklärungsversuche halten wissenschaftlicher Prüfung nicht stand

Bisher kursierten verschiedene Hypothesen, um das Phänomen zu erklären. Einige vermuteten, dass sich bei steigenden Temperaturen die Blutgefäße weiten und der Blutdruck sinkt, woran sich der Körper erst gewöhnen müsse. Andere verwiesen auf hormonelle Veränderungen, insbesondere auf einen vermeintlichen Überschuss des „Nachthormons“ Melatonin nach dem Winter.

„Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel“, entgegnet Expertin Blume. „Melatonin wird im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut. Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht.“

Psychologische Effekte erklären die hartnäckige Wahrnehmung

Die Forscher identifizierten mehrere psychologische Mechanismen, die erklären könnten, warum der Mythos der Frühjahrsmüdigkeit so beständig ist:

  • Labeling-Effekt: Der etablierte Begriff macht Menschen empfänglicher für entsprechende Wahrnehmungen
  • Nocebo-Effekt: Negative Erwartungen beeinflussen die Interpretation von Befindlichkeiten
  • Kognitive Dissonanzreduktion: Bei ausbleibendem Energieschub nach dem Winter bietet die Frühjahrsmüdigkeit eine bequeme Erklärung

„Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher ‚Symptome‘“, erläutert Blume den psychologischen Hintergrund.

Ein deutschsprachiges Phänomen ohne internationale Entsprechung

Interessanterweise ist das Konzept der Frühjahrsmüdigkeit außerhalb des deutschsprachigen Raums kaum bekannt. „Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die“, berichtet Blume.

Im englischsprachigen Raum existiert zwar der Begriff „spring fever“, doch dieser wird nicht mit Müdigkeit, sondern im Gegenteil mit erhöhter Vitalität und Energie in Verbindung gebracht. Die Studie wurde im renommierten „Journal of Sleep Research“ veröffentlicht und stellt damit eine wissenschaftlich fundierte Korrektur eines weit verbreiteten Glaubenssatzes dar.

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