Frühjahrsmüdigkeit: Wissenschaftliche Studie entlarvt weit verbreiteten Mythos
Wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen den Winter vertreiben und die Natur erwacht, klagen viele Menschen über bleierne Müdigkeit und Erschöpfung. Das Phänomen hat im deutschsprachigen Raum sogar einen eigenen Namen: Frühjahrsmüdigkeit. Doch eine aktuelle Schweizer Studie kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Das vermeintliche Frühlingsphänomen existiert wissenschaftlich betrachtet gar nicht.
Langzeitstudie findet keine empirischen Belege
Forscher der Universität Basel und des Inselspitals Bern haben über ein Jahr hinweg detaillierte Daten von Hunderten Teilnehmern gesammelt. Die Psychologin Christine Blume, die am Zentrum für Chronobiologie forscht, leitete die umfangreiche Untersuchung. „Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen“, erklärt Blume im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Die Studie startete vor zwei Jahren mit einer Online-Befragung, an der 418 Menschen teilnahmen. Über zwölf Monate hinweg machten diese alle sechs Wochen Angaben zu ihrem Schlafverhalten, ihrer Müdigkeit und ihrem allgemeinen Befinden. Obwohl fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) angab, selbst von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein, lieferten die detaillierten Einzelbefragungen keinerlei Bestätigung für dieses subjektive Empfinden.
Biologische Erklärungen widerlegt
Traditionell werden verschiedene biologische Mechanismen als Ursache für die Frühjahrsmüdigkeit angeführt. Dazu gehören angeblich weite Blutgefäße bei steigenden Temperaturen, die zu niedrigerem Blutdruck führen, oder ein Überschuss des „Nachthormons“ Melatonin nach dem Winter. „Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel“, entgegnet Expertin Blume diesen Erklärungsversuchen.
Melatonin werde im natürlichen 24-Stunden-Rhythmus gebildet und wieder abgebaut. „Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht“, stellt die Forscherin klar. Auch die schnell länger werdenden Tage im Frühling zeigten in der Studie keinerlei Zusammenhang mit erhöhter Müdigkeit bei den Teilnehmenden.
Der mächtige Einfluss des Labels
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es sich bei der Frühjahrsmüdigkeit um einen besonders hartnäckigen Mythos handelt, der gerade durch seine sprachliche Verankerung so mächtig wirkt. „Der Begriff Frühjahrsmüdigkeit ist so fest etabliert, dass er quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung auslöst“, erklären Blume und der Schlafforscher Albrecht Vorster in ihrer im „Journal of Sleep Research“ veröffentlichten Arbeit.
Psychologen sprechen hier vom sogenannten Labeling-Effekt. Ähnlich wie teurer Wein subjektiv besser schmeckt, wenn man seinen Preis kennt, interpretieren Menschen normale Müdigkeitserscheinungen im Frühjahr als Bestätigung des bekannten Phänomens. Mediziner bezeichnen dies als Nocebo-Effekt – die Bestätigung einer negativen Erwartung, die das Gegenteil des bekannteren Placebo-Effekts darstellt.
Kognitive Dissonanz und kulturelle Unterschiede
Eine weitere psychologische Erklärung bietet die Theorie der kognitiven Dissonanzreduktion. Nach dem langen Winter steigen die Erwartungen an die wärmeren Tage: Man möchte joggen, Ausflüge unternehmen und soziale Verabredungen wahrnehmen. Bleibt der erwartete Energieschub aus, bietet die Frühjahrsmüdigkeit eine bequeme Erklärung – besonders wenn sie vom sozialen Umfeld bestätigt wird.
Interessanterweise ist das Phänomen außerhalb des deutschsprachigen Raums praktisch unbekannt. „Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die“, berichtet Blume. Im englischsprachigen Raum existiert zwar der Begriff „spring fever“, doch dieser wird nicht mit Müdigkeit, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie in Verbindung gebracht.
Die Schweizer Studie zeigt eindrucksvoll, wie mächtig kulturell etablierte Begriffe unsere Wahrnehmung beeinflussen können. Was viele als biologisches Frühlingsphänomen erleben, entpuppt sich bei genauer wissenschaftlicher Betrachtung als psychologischer Effekt – ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Sprache und Erwartungen unsere körperliche Befindlichkeit formen können.



