Genetische Prägung der Lebenserwartung: Neue Studie zeigt stärkeren Einfluss der Gene
Gene beeinflussen Lebenserwartung stärker als gedacht

Gene prägen Lebenserwartung stärker als bisher angenommen

Welche Faktoren bestimmen, wie lange ein Mensch lebt? Diese fundamentale Frage beschäftigt die Wissenschaft seit Generationen. Eine neue Studie des King's College London kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis: Gene haben einen deutlich größeren Einfluss auf die Lebenserwartung als bislang vermutet. Die Forschungsergebnisse widerlegen damit viele bisherige Annahmen in der Altersforschung.

Bisherige Studien als angreifbar eingestuft

Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass genetische Faktoren etwa 25 Prozent der Lebenserwartung bestimmen. Allerdings kritisiert das Forscherteam um Chiara Herzog vom Department für Zwillingsforschung am King's College, dass diese früheren Untersuchungen entscheidende Schwächen aufweisen. „Die bisherigen Studien machen keine Angaben darüber, woran die Teilnehmer gestorben waren“, erklärt die Arbeitsgruppenleiterin. Dieser Mangel an Differenzierung bei den Todesursachen verzerre die Ergebnisse erheblich.

Umfangreiche Analyse skandinavischer und amerikanischer Daten

Die im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studie wertete Daten aus drei skandinavischen Untersuchungen zur Lebenserwartung bei Zwillingen aus. Insgesamt analysierten die Forscher knapp 14.000 Geschwisterpaare, die zwischen 1870 und 1935 geboren wurden und mindestens 15 Jahre alt wurden. Zur Validierung der Ergebnisse kontrollierte das Team die Befunde mit einer US-amerikanischen Kohorte von Geschwistern Hundertjähriger.

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Ein zentrales Problem bei solchen Erhebungen: Tödliche Unfälle sagen wenig über die eigentliche Lebenserwartung aus, da es sich um äußere Einflüsse handelt. Um festzustellen, ob Vorfahren ein langes Leben vererben, müsse klar sein, woran sie starben. Die Wissenschaftler unterscheiden daher zwischen intrinsischen und extrinsischen Todesursachen.

Intrinsische versus extrinsische Todesursachen

Zu den intrinsischen Todesursachen zählen natürliche biologische Prozesse wie die körperliche Alterung oder genetische Mutationen – beide haben ihren Ursprung im Körper selbst. Extrinsische Ursachen sind dagegen Einflüsse von außen, darunter Unfälle, Infektionskrankheiten oder Tötungen.

Das Forschungsteam kommt zu dem Ergebnis, dass genetische Faktoren zu 50 Prozent die Lebensdauer bestimmen, sofern Todesfälle durch Unfälle oder andere äußere Einflüsse ausgeklammert werden. „Dies ist grundsätzlich nicht überraschend“, erläutert Chiara Herzog. „Die maximale Lebensspanne von Säugetieren ist genetisch bedingt: Mäuse leben nur wenige Jahre, andere Arten wie der Grönlandwal jedoch bis zu 200 Jahre.“

Artenbedingte Unterschiede und individuelle Spielräume

Diese artenbedingten Unterschiede ließen sich nicht allein durch Umwelt oder Lebensstil erklären, betont die Wissenschaftlerin. Selbst unter optimalen Bedingungen bestehe eine artspezifische Obergrenze – auch unter besten Haltungsbedingungen könne eine Maus nach heutigem Kenntnisstand keine 200 Jahre alt werden.

Innerhalb der biologischen Grenzen gebe es jedoch erheblichen Spielraum: „Zwillingsstudien zeigen seit Langem, dass selbst eineiige Zwillinge mit identischer Genetik im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Erkrankungen entwickeln können – und diese Unterschiede mit zunehmendem Alter größer werden“, so Herzog. Zudem variiere die Vererblichkeit altersassoziierter Erkrankungen deutlich: Während Krebserkrankungen eine vergleichsweise geringe Vererblichkeit von 30 Prozent aufweisen, sei sie bei kardiovaskulären Erkrankungen oder Demenz deutlich höher.

Wissenschaftliche Einschätzung und kritische Betrachtung

Steve Hoffmann, Professor für Computergestützte Biologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, schätzt die Studie als wertvoll ein, warnt aber vor vorschnellen Schlüssen: „Die vorliegende Schätzung ist lediglich ein Anhaltspunkt für eine durchschnittliche Vererbbarkeit der Lebensspanne. Ob dieser Anteil nun bei 25 Prozent oder bei 50 Prozent liegt, der Einfluss nicht-erblicher Faktoren bleibt auch nach dieser Schätzung hoch.“

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Der Biologe weist auf eine methodische Schwäche hin, die von den Forschern nicht berücksichtigt wurde: „In der Realität können genetische und externe Faktoren auch zusammenwirken – sowohl in förderlicher als auch nachteiliger Weise.“ Diese Interaktionen seien komplex und würden in der aktuellen Studie nicht ausreichend berücksichtigt.

Praktische Implikationen für die Lebensgestaltung

Trotz des stärkeren genetischen Einflusses betonen die Wissenschaftler, dass jeder Mensch mit seiner individuellen Genetik geboren werde. Daher sei es umso wichtiger, andere Faktoren wie regelmäßige Bewegung und eine gesunde Ernährung in das Leben zu integrieren. Diese Lebensstilfaktoren könnten dazu beitragen, das Leben innerhalb der genetischen Grenzen zu verlängern und die Lebensqualität im Alter zu verbessern.

Die Studie unterstreicht damit die komplexe Wechselwirkung zwischen genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren. Während die Gene den Rahmen vorgeben, bestimmen Lebensstil, Ernährung und Umwelteinflüsse maßgeblich, wie dieser Rahmen ausgefüllt wird. Die Forschungsergebnisse bieten neue Perspektiven für die Präventivmedizin und die individuelle Gesundheitsvorsorge.