HALLE/MZ. Dröhnende Technomusik, wabernder Trockeneis-Nebel, flackerndes Licht. Und immer wieder laute Schmerzensschreie. Viele Menschen in der Diskothek sind verletzt, sie haben klaffende Wunden von Stichen und einer Explosion und müssen dringend medizinisch versorgt werden. Was an diesem Freitagvormittag auf einem Industriegelände am Rand von Halle nur eine Simulation ist, könnte in der Realität jederzeit eintreten: Naturkatastrophen, Großereignisse mit vielen Verletzten, bewaffnete Konflikte. Die Medizin in Sachsen-Anhalt muss auf all das vorbereitet sein und auch unter Extrembedingungen funktionieren.
Neues Zentrum für Krisenresilienz in Halle
In der Saalestadt entsteht deshalb das „Mitteldeutsche Zentrum für Krisenresilienz und Katastrophenmedizin (MZKR)“. Dieses Gemeinschaftsprojekt des BG Klinikums Bergmannstrost Halle und der Universitätsmedizin Halle ist deutschlandweit bislang einzigartig. Es verfolgt einen interprofessionellen Ansatz mit speziellen Ausbildungsmöglichkeiten und bindet alle Akteure ein, die im Krisenfall zusammenarbeiten müssen.
Netzwerk für mehr Resilienz
„Es ist ein Netzwerk im mitteldeutschen Raum, das die Resilienz im Gesundheitssystem stärken soll – mit einer Vielzahl von Partnern, von Krankenhäusern über die Feuerwehr bis hin zur Bundeswehr“, erklärt Dr. Dietrich Stoevesandt, wissenschaftlicher Leiter des MZKR. Zwar habe man bereits ein gutes Gesundheitssystem mit sehr gut ausgebildeten Ärzten, Pflegenden und Notfallsanitätern. Doch es gebe spezielle Themen, die nicht Teil der regulären Ausbildung seien: „Wie verhalte ich mich in einer Terrorlage, wie versorge ich dann die Verletzten? Das muss schon Teil des Studiums sein und setzt sich fort bis zum Spezialkurs, bei dem der Chirurg im Krankenhaus lernt, Stich- und Schussverletzungen zu operieren.“
Gemeinsame Konzepte für den Ernstfall
„Eine der Kernaufgaben des MZKR ist, durchdachte Konzepte zu entwickeln, bei denen wir Behörden, Krankenhäuser, Rettungsdienst und auch die Bundeswehr mitnehmen und gemeinsam überlegen, wie wir uns resilienter als Gesamtsystem aufstellen“, ergänzt Dr. Hartmut Stefani, ärztlicher Leiter. Verbunden sei dies mit einer gezielten Aus- und Fortbildung. Das MZKR will auf einem geeigneten Areal künftig Übungen anbieten, „die so in der normalen Struktur eines Krankenhauses nicht realisierbar sind – gerade, wenn ich an die Integration von Rettungsdiensten, Feuerwehr oder THW denke“, so Stoevesandt.
Hubschrauber und Bundeswehr bei der Auftaktveranstaltung
Wie das aussehen kann, zeigten Akteure zahlreicher Institutionen zum Projektstart unter den Augen von Gästen aus Politik, Medizin und Sicherheit: Mit Hubschraubern von DFR und ADAC wurde die Luftrettung demonstriert, die Bundeswehr präsentierte sich mit einem Sanitätsfahrzeug, ASB und DRK mit Krankenwagen und Rettungsmitteln. In einem Praxisparcours konnte man nachvollziehen, wie eine Schädelöffnung erfolgt. Eine virtuelle Simulation gab Einblicke in Trainingsräume des künftigen MZKR, das auch bestehende Infrastruktur von Unimedizin und Bergmannstrost nutzen soll.
Basisausbildung für das gesamte Gesundheitswesen
„Wir brauchen eine Art Basisgrundausbildung für alle Beteiligten im Gesundheitswesen, die uns ermöglicht, auf die Herausforderungen und Krisen von morgen und übermorgen gut und schnell zu reagieren“, bringt Stefani das Ziel auf den Punkt. In Deutschland sei Medizin hoch spezialisiert, es sei aber wichtig, dass auch jemand, der kein Lungenexperte ist, Lungenkrankheiten behandeln könne. Oder dass ein Augenarzt auch Wunden aus einem bewaffneten Konflikt versorgen könne. All dies müsse auch unter erschwerten Bedingungen funktionieren, wenn kritische Infrastruktur ausfällt, etwa durch einen feindlichen Online-Angriff.
Bedrohung durch Russland
Die Bedrohungslage habe sich zuletzt stark verändert, betonte Generalstabsarzt Dr. Jürgen Meyer von der Bundeswehr. Man beobachte Cyberattacken, angespannte Situationen in der Ostsee, Drohnenflüge. „Die Bedrohung geht von Russland aus.“ Und darauf müsse man sich vorbereiten.
Zahlen und Fakten zum MZKR
Das Mitteldeutsche Zentrum für Krisenresilienz und Katastrophenmedizin (MZKR) soll die medizinische Versorgung und Widerstandsfähigkeit des Gesundheitswesens bei Krisen, Katastrophen und großen Notlagen stärken. Das Gemeinschaftsprojekt von BG Klinikum Bergmannstrost und Universitätsmedizin wurde von Prof. Dr. Philipp Kobbe (Ärztlicher Direktor Bergmannstrost) und Prof. Dr. Heike Kielstein (Dekanin der Medizinischen Fakultät Universität Halle) initiiert. Das MZKR verknüpft Rettungsdienste, Feuerwehren, Landesärztekammer, Bundeswehr, Polizei sowie Behörden und soll als Kompetenzzentrum Strategien entwickeln sowie gezielte Ausbildung mit Simulationen und Trainingslabor ermöglichen. Der Standort steht noch nicht endgültig fest. In Frage kommt das Areal am Cossebauder Weg in Halle, wo am Freitag mit einem Gründungssymposium mit 200 Teilnehmern von Institutionen, die im Ernstfall zusammenarbeiten sollen, der Startschuss für das MZKR fiel. Finanziell getragen wird es vom Bergmannstrost und der Unimedizin, Einnahmen sollen auch über Kursgebühren erzielt werden. Auch auf die Unterstützung der Landesregierung hoffen die Initiatoren – die sagte Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) zum Auftakt zu.



