Der Pommersche Diakonieverein hat den Status des Annastifts als Jarmens wohl schönstes Gebäude buchstäblich untermauert und dessen Bedeutung für die Stadtgesellschaft noch einmal erheblich gesteigert. Das offenbarte sich jetzt bei der feierlichen Wiedereröffnung.
Riesiges Gebäude mit vier Etagen
Die Wiedereröffnung passierte zunächst nur im kleinen Rahmen mit rund 60 geladenen Gästen – wohl wissend, welchen Stellenwert und welches Interesse die so mondän wirkende Immobilie an der Lindenstraße einnimmt. Das Gebäude verfügt neben zwei Hauptgeschossen über ein Souterrain und eine Dachetage. Von Ausmaß und Stil her erscheint das Objekt samt seinem neoklassizistischen Portikus mit vier dorischen Säulen und dem Mansarddach beispiellos in der Region und fast wie ein Gutshaus. „Das Annastift gehört prägend zur Identität von Jarmen“, erklärte Michael Bartels, Vorsteher des Diakonievereins.
Neue Heimat nicht nur für Hausärztepraxis
Wobei der Mann keineswegs nur die Hülle meinte, sondern gleichfalls deren neues Innenleben. Das reicht von einer Hausärztepraxis und einer Tagespflegeeinrichtung im Hochparterre über eine Senioren-Wohngemeinschaft im zweiten Stock bis hin zu Appartements im obersten Geschoss, gedacht für die Begleitung Jugendlicher in die Selbstständigkeit. Wie die Verantwortlichen berichteten, waren die zehn Mietplätze für die Senioren bereits nach kurzer Zeit komplett ausgebucht, Anfang Mai folge der Einzug. Auch die Tagespflege fülle sich zusehends, und die seit März ansässige Praxis wirkt ohnehin längst etabliert.
„Es ist ein offenes und öffentliches Haus“
Dass der Keller mit seinem früheren Speisesaal samt großer Küche künftig für Veranstaltungen gemietet werden kann, vollendet den Eindruck eines alle Generationen übergreifenden Anlaufpunktes. „Es ist ein offenes und öffentliches Haus, das nicht nur schön anzusehen ist, sondern Leute zusammenbringt“, äußerte Bartels.
Verbunden mit der Frage, wie oft sich die Bezeichnung Einweihung oder Eröffnung eigentlich verwenden lässt. Schließlich entstand das Gebäude schon 1923/24 als Sitz für den finanzkräftigen „Jarmener landwirtschaftlichen Ein- und Verkaufsverein“. Später diente es als Bank und Seuchenkrankenhaus, am längsten als DDR-Landambulatorium – inklusive Geburtenabteilung.
Diakonieverein übernahm die Immobilie vom Landkreis
Nach der Wende übernahm der in Züssow ansässige Pommersche Diakonieverein die Immobilie vom Landkreis und baute sie bis 1993/94 zum Alten- und Pflegeheim um. Seither trägt sie den Namen „Annastift“. Im Herbst 2023 allerdings folgte aus finanziellen und organisatorischen Gründen die Schließung – ein Schock für viele. „Es ist auch für uns nicht leicht gewesen, dass wir eine Entscheidung treffen mussten, die wir am liebsten gar nicht getroffen hätten“, schilderte Bartels. „Aber sie war unumgänglich.“
Kosten summieren sich auf rund 2,2 Millionen Euro
Er und seine Mitstreiter wirkten erleichtert und stolz, stattdessen nun neue Perspektiven bieten zu können. Der 2025 gestartete Umbau und die Modernisierung fielen dabei deutlich umfangreicher als geplant aus, und die Kosten summierten sich auf rund 2,2 Millionen Euro, wie Finanzvorstand Steffen Jaeckel erläuterte. „Dieses Bauprojekt war und ist besonders“, gab er zu verstehen. Zum einen, was den Charakter und zum anderen das Ausmaß des Eingriffes in eine Bestandsimmobilie betrifft – verbunden mit einer ungewöhnlich breiten Verankerung innerhalb der eigenen Unternehmensgruppe und vor Ort.
Sein Großvater war einst der Pastor von Jarmen
Schließlich gibt es unzählige Mitstreiter vom eigenen Personal über die Partner bis zu den Handwerkern, die eng mit Jarmen und dem Annastift verbunden sind. Angefangen beim Vorsteher selbst, dessen Vater in der Stadt aufwuchs – als Sohn des im Zweiten Weltkrieg gefallenen Pastors Traugott Bartels. Da erschien der Rückgriff des Geschäftsführers auf ein weltberühmtes Zitat des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy noch glaubwürdiger als bei jenem selbst: „Ich bin ein Jarmener“, bekannte Bartels.
Ein Bekenntnis für den ländlichen Raum
Er wolle dieses Investment auch als nachhaltiges Bekenntnis für den ländlichen Raum und speziell diese Stadt verstanden wissen. „Jarmen ist ein Ort des Lebens, an dem es sich lohnt, zu engagieren.“ Bürgermeister André Werner, dessen Vater wie viele ältere Einwohner selbst im Landambulatorium auf die Welt gekommen ist, dankte allen Beteiligten für ihr Engagement, wohl wissend, wie selten derzeit solche Großprojekte gerade in der vorpommerschen Provinz passieren.
Diese Besucherin arbeitete dort rund vier Jahrzehnte lang
Emotional wurde es, als Annemarie Sauerweier das Wort ergriff. Denn die bald 87-Jährige verbindet den größten Teil ihres Arbeitslebens mit dieser Adresse: rund drei Jahrzehnte bis zum Ende der DDR und danach noch ein Jahrzehnt im Alten- und Pflegeheim. Kein Wunder also, dass sie die neuen Räume besonders interessiert unter die Lupe nahm. Neben ihr rückte eine kleine Dame in den Blickpunkt, die in ihrer Gestalt zwei Frauen vereint, die mit mehr als 130 Jahren sogar deutlich älter sind beziehungsweise wären: jene „Anna“-Skulptur nämlich, die einst im Eingang des Stifts stand und nach der Schließung in Gützkow eingelagert wurde.
Ihre Hingabe für die Hilfebedürftigen bleibt unvergessen
Sie symbolisiert die Ende des 19. Jahrhunderts geborenen Anna Behrendt und Anna Dick. Erstere stammte aus Ostpreußen und kam 1927 als evangelische Diakonisse nach Jarmen, wo sie sich bis zu ihrem Tode 1970 mit ihrer Hingabe für Hilfebedürftige Hochachtung erwarb. Die andere war Tochter eines örtlichen Schneidermeisters und blieb vor allem für ihr langes und intensives Engagement als Kirchendienerin in Erinnerung. Sie verstarb 1985. Mit der Namensgebung 1994 wollte der Diakonieverein mit seinen christlichen Traditionen beiden ein Denkmal setzen. Das Kunstwerk werde bald im „neuen Annastift“ wieder einen Ehrenplatz erhalten, kündigte Pflegedienst-Regionalleiterin Claudia Hübner an, ebenfalls eine Jarmenerin.



