Ob Teilentfernung vergrößerter Mandeln, Operationen nach einem Leistenbruch oder Entfernung der Gallenblase: All das kann, muss aber nicht im Krankenhaus passieren. Laut einer aktuellen Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) könnte in Mecklenburg-Vorpommern mehr als jede dritte Behandlung oder Operation auch ambulant in Klinik oder Facharztpraxis erfolgen – ohne teure stationäre Aufnahme und Übernachtung. Einer OECD-Studie (Stand 2021) zufolge werden gerade die eingangs genannten Operationen in Deutschland viel seltener ambulant durchgeführt als in anderen Ländern.
Koordinierte Versorgung vermeidet Einweisungen
Konkret weist der Krankenhaus-Report des WidO für MV im Jahr 2024 rund 364.000 Krankenhausfälle aus. Etwa 209.000 dieser Fälle hatten ein ambulantes oder vermeidbares Potenzial – das entspricht 57 Prozent. Davon entfielen rund 156.000 Fälle auf Behandlungen, die auch ambulant hätten versorgt werden können. Vor allem in der allgemeinen Inneren Medizin und der allgemeinen Chirurgie gibt es der Studie zufolge Verlagerungspotenzial.
14 Prozent der Krankenhausfälle in MV – also jeder siebte oder in absoluten Zahlen rund 53.000 – ließen sich ganz vermeiden, wenn die Patienten vorher kontinuierlicher und koordinierter versorgt werden würden. Die AOK Nordost nennt dafür ein Beispiel: Sind Menschen mit Diabetes in ein strukturiertes Behandlungsprogramm eingeschrieben, müssen sie deutlich seltener ins Krankenhaus als Diabetiker, die nicht an einem solchen Programm teilnehmen.
Jeder Dritte braucht keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung
„Unser Ziel muss sein, dass Patientinnen und Patienten nur dann im Krankenhaus übernachten, wenn es medizinisch wirklich notwendig ist“, betont die Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, Daniela Teichert. Für mehr als jede dritte Behandlung wäre nach der Analyse keine stationäre Rund-um-die-Uhr-Betreuung nötig. Diese Patienten ambulant zu versorgen, entlaste die Kliniken, entschärfe den Fachkräftemangel und sei letztlich auch günstiger für die Beitragszahler in der gesetzlichen Krankenversicherung. „Die Landesregierung muss deshalb die Krankenhaus-Reform entschlossen umsetzen, um zu den notwendigen Konzentrationen zu kommen und das Potenzial für mehr ambulante Behandlungen zu realisieren“, fordert Teichert.
Krankenhausreform: Chance oder realitätsfremd?
Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) fordert schon seit Längerem, ambulante und stationäre Behandlungen stärker miteinander zu verknüpfen. Gerade ein Flächenland wie MV könne sich Doppelstrukturen aus Fachärzten im Krankenhaus und solchen im ambulanten Bereich perspektivisch nicht mehr leisten – aus finanziellen Gründen, aber ganz einfach auch, weil Ärzte fehlten.
Im Rahmen der Krankenhausreform soll es nun Veränderungen geben: Komplexe Operationen sollen an spezialisierten Kliniken konzentriert werden, um die Behandlungsqualität nachhaltig zu stärken. Kleine Krankenhausstandorte sollen zum Teil in sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen (SÜV) umgewandelt werden – allerdings ist das nur noch zum Jahreswechsel möglich. „Dies ist, zumindest in der Transformationsphase, realitätsfremd und gefährdet gewollte Anpassungsprozesse“, kritisiert Drese. Überhaupt werden aus Sicht der Ministerin Gegebenheiten in einem dünn besiedelten Flächenland wie MV im Krankenhausreform-Anpassungsgesetz nicht ausreichend Rechnung getragen. So gefährde die Vorgabe bundeseinheitlicher Mindestvorhaltezahlen „massiv die flächendeckende, wohnortnahe Versorgung“.
AOK fordert von der Landesregierung Konsequenz
AOK Nordost-Vorstandsvorsitzende Daniela Teichert appelliert indes: „Die nachhaltige Sicherung der medizinischen Versorgung wird nur dann gelingen, wenn die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern bei der Umsetzung der Krankenhausreform Mut zu klarer Planung, Spezialisierung und zum Ausbau ambulanter Angebote beweist. Wenn ein Krankenhaus die Qualitätskriterien der Krankenhausreform nicht erfüllt, sollten Ausnahmen wenig oder bestenfalls gar nicht zum Einsatz kommen.“ Krankenhaus, Hausarztpraxis, Facharztpraxis und Pflege dürften zudem nicht länger nebeneinander geplant werden. „Wir müssen Versorgung regional zusammen denken, denn die Fachkräfte werden knapper“, mahnt Teichert.



