Ambulante Pflege in Not: Hohe Spritpreise verschärfen Versorgungskrise im ländlichen Raum
Die dramatisch gestiegenen Spritpreise von deutlich über zwei Euro pro Liter stellen nicht nur eine Belastung für Privatpersonen dar, sondern bedrohen zunehmend die Versorgung von Pflegebedürftigen in ländlichen Regionen. Insbesondere ambulante Pflegedienste, die täglich hunderte Kilometer zurücklegen müssen, um ihre Patienten zu erreichen, stehen vor existenziellen Herausforderungen.
Spritkosten explodieren: Bis zu 2000 Euro Mehrkosten monatlich
Norbert Zobel, Geschäftsführer des Pflegecampus Lobetal in Lübtheen, schildert die prekäre Situation: „Normalerweise kalkulieren wir mit monatlichen Spritkosten von etwa 5000 Euro. Aufgrund der aktuellen Preisentwicklung müssen wir jedoch mit Ausgaben von bis zu 7000 Euro rechnen.“ Der Pflegecampus bietet neben ambulanter Pflege auch mobile Essensversorgung an und ist damit besonders von den gestiegenen Treibstoffkosten betroffen.
In der Region zwischen Hagenow und Boizenburg werden etwa 80 Prozent aller Pflegebedürftigen durch ambulante Dienste oder Angehörige in ihren eigenen vier Wänden versorgt. Diese hohe Quote erklärt sich einerseits durch den Wunsch vieler Menschen, möglichst lange in der vertrauten Umgebung zu bleiben, andererseits durch fehlende Kapazitäten in stationären Einrichtungen. Die Pflegesozialplanung des Landkreises Ludwigslust-Parchim prognostiziert zudem einen Anstieg der Pflegebedürftigen von derzeit rund 18.000 auf etwa 21.000 bis zum Jahr 2040.
Finanzierungslücke seit Jahren ungelöst
Die Finanzierung der mobilen Pflege steht bereits seit 2023 auf wackligen Füßen. Seitdem verhandeln Wohlfahrtsverbände als Vertreter der Pflegedienste mit den Krankenkassen über die Refinanzierung der gestiegenen Kosten. Auslöser war damals eine Tarifverpflichtung, die zu Gehaltserhöhungen für Pflegekräfte führte. Die Pflegedienste gehen mittlerweile im vierten Jahr in Vorleistung, ohne Gewissheit, ob ihre Ausgaben von den Krankenkassen erstattet werden.
„Solange dieser Konflikt nicht endgültig geklärt ist, drohen sogar Rückforderungen an die Pflegedienste“, warnt Zobel. Die aktuellen Benzinpreise verschärfen diese ohnehin angespannte Situation zusätzlich, da die Fahrtkosten im Vorjahr auf Basis damals realistischer Zahlen verhandelt wurden. „Die zusätzlichen 2500 Euro monatlich, die uns die hohen Spritpreise kosten, werden wir nicht refinanziert bekommen“, stellt Zobel klar.
Appell an die Politik: Rettungsschirm dringend notwendig
Der Pflegeexperte fordert einen staatlichen Rettungsschirm, der unvorhergesehene Preissteigerungen in der Pflegebranche auffangen soll. „Viele kleinere Pflegedienste stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand und werden weitere Kostensteigerungen nicht überstehen“, betont Zobel. Bereits jetzt gebe es sogenannte weiße Flecken auf der Landkarte, die von keinem Pflegedienst mehr regelmäßig angefahren werden könnten.
Diese Entwicklung stellt eine unzumutbare Situation für Pflegebedürftige dar, die dringend politisches Handeln erfordert. „Das Land kann auf keinen weiteren Pflegedienst verzichten. Diese Krise muss von der Politik schnellstmöglich und über alle politischen Lager hinweg gelöst werden“, appelliert Zobel mit Nachdruck. Die Kombination aus steigenden Spritpreisen, ungeklärter Refinanzierung und wachsender Nachfrage nach Pflegeleistungen droht das System der ambulanten Versorgung im ländlichen Raum nachhaltig zu schwächen.



