Vom Gute-Laune-Bär zum Burnout: Wie eine Schwerinerin den Zusammenbruch erlebte
Burnout in Schwerin: Vom Gute-Laune-Bär zum Zusammenbruch

Vom Gute-Laune-Bär zum Unglücksraben: Birgits Weg in den Burnout

Lange Zeit ignorierte eine Schwerinerin die deutlichen Warnsignale ihres Körpers, die auf ein sich anbahnendes Burnout hindeuteten. Vom fröhlichen Gute-Laune-Bär auf der Arbeit verwandelte sie sich in einen gequälten Unglücksraben, der innerlich ausbrannte. Birgit, die hier nicht mit ihrem echten Namen genannt werden möchte, erzählt ihre bewegende Geschichte, wie der Job sie schließlich kaputt machte und sie an den Rand ihrer Kräfte brachte.

Der schleichende Prozess der Erschöpfung

Ausgebrannt – dieses deutsche Wort für Burnout beschreibt genau, wie sich Birgit fühlte. „Leer, müde, erschöpft“, beschreibt die 52-Jährige ihren Zustand. Nachts wälzte sie sich schlaflos im Bett, morgens schleppte sie sich mit quälenden Magenschmerzen zur Arbeit. „Wie ein Kind, das Schulangst hat“, erinnert sie sich. Die Kollegen bemerkten nichts von ihrem inneren Kampf. „Ich war für sie immer der Gute-Laune-Bär“, sagt Birgit mit einem traurigen Lächeln.

Anstrengender Alltag im Einkaufscenter

Viele Jahre arbeitete Birgit im Schweriner Schlossparkcenter bei einer Dienstleister-Kette. Dort kümmerte sie sich um einen Kunden nach dem anderen in einer Atmosphäre von fast durchgehendem Trubel und Hektik. Besonders belastend: In der Mittagspause gab es keine Rückzugsmöglichkeiten für die Mitarbeiter, keinen Extra-Raum zum Abschalten oder Durchatmen.

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Es dauerte lange, bis Birgit sich eingestehen konnte, dass etwas nicht stimmte. „Freunde rieten mir: Such dir einen anderen Job. Aber ich war wie im Tunnel“, erzählt die Schwerinerin. „Ich hatte Angst, meine Arbeit zu verlieren. Das war auch eine existenzielle Geschichte. Das Gehalt meines Mannes reichte nicht, um die Familie zu ernähren. Ich musste funktionieren und überleben.“ Heute blickt sie kritisch zurück: „Man, für was für wenig Geld hast du da geknüppelt?“

Wenn der Beruf zur Belastung wird

Dabei hatte Birgit ihren Beruf ursprünglich geliebt. Nach der Schule wollte sie bewusst keinen Job lernen, bei dem man allein im Büro sitzt. Sie wollte Menschen um sich herum haben. In Rostock absolvierte sie die passende Ausbildung und begann danach in der Filiale in Schwerin. „Der Beruf an sich ist total schön und interessant und hat Spaß gemacht, vor allem die Arbeit mit den Stammkunden“, erinnert sie sich mit Wehmut.

Doch mit der Zeit veränderte sich alles. Birgit wurde älter, gründete eine Familie, bekam Kinder. Ihre Energie musste sie nun aufteilen, was ihr zunehmend schwerer fiel. Stundenlange Geräuschkulissen, ständige Kundenkontakte und permanenter Druck von der Chefetage zehrten an ihren Kräften. „Morgens hab' ich mich dick geschminkt und das war dann für mich wie einen Schalter umlegen“, beschreibt sie ihre Überlebensstrategie. „Auf die Kollegen wirkte ich wie der Fels in der Brandung, das haben sie mir später gesagt.“

Familie leidet mit

Der Stress wirkte sich bald auch auf das Familienleben aus. Birgit brachte die Anspannung mit nach Hause und ließ sie immer häufiger an ihrem Partner und den Kindern ab. „Ich war müde und gereizt und hatte nicht mehr die Geduld“, gesteht sie und kämpft noch heute mit Schuldgefühlen. „Im Nachhinein tut es mir leid. Ich war sicher so manches Mal nicht die Mutter, die ich hätte sein können.“

Der emotionale Zusammenbruch

Als dann noch eine gute Freundin starb, stand Birgit vor dem emotionalen Zusammenbruch. Bei einem Besuch bei ihrer Hausärztin, um sich erneut krank zu melden, erhielt sie die deutliche Diagnose: „So geht's nicht weiter“, sagte die Ärztin. „Sie befinden sich in einer Burnout-Phase mit depressiven Symptomen.“ Die Empfehlung lautete auf einen stationären Aufenthalt in der Schweriner Carl-Friedrich-Flemming-Klinik, die sich auf Burnout-Erkrankungen spezialisiert hat. Aus den empfohlenen sechs Wochen wurden schließlich acht.

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Neue Chefin verschärft die Situation

Nach der Therapie ging es zunächst bergauf. Die Gruppentherapie half, zu sehen, dass auch andere Menschen Ballast mit sich herumschleppen. Doch der Wiedereinstieg in den Job gestaltete sich schwierig. Birgit verschwieg ihrer neuen Teamleiterin den Klinikaufenthalt, doch bald kehrte die alte Unzufriedenheit zurück. Nichts hatte sich verändert – außer dass die neue Chefin den Druck noch erhöhte.

„Die hat uns Mitarbeiter runtergemacht im Beisein der Kunden“, berichtet Birgit empört. „Hat ihren Frust abgelassen, wenn der Laden nicht aufgeräumt war oder wir nicht unser Pensum geschafft haben.“ Besonders schlimm war für sie die Behandlung der Auszubildenden: „Die hat sie besonders unter Druck gesetzt und wegen Nichtigkeiten zur Sau gemacht. Mehrere von meinen Kollegen haben dann ihretwegen gekündigt.“

Der Weg zur Selbsthilfe

Birgit zog die Reißleine. Sie ging erneut in Therapie und suchte sich eine Selbsthilfegruppe für Burnout-Betroffene in Schwerin. Diese Gruppe wurde zu einer wichtigen Stütze. „Da sind alle möglichen Leute drin, von der Hausfrau bis zu Büroangestellten und Teamleitern“, erzählt sie begeistert. „Du kannst erzählen, was du möchtest, von Gott und der Welt, alles bleibt im Raum. Es wird nicht nur gejammert, sondern auch gelacht.“

Die Gruppe gibt praktische Tipps, wie man an grauen Wintertagen fröhlich bleiben kann oder wie man mit Stresssituationen bei der Arbeit umgeht. „Unsere Selbsthilfegruppe freut sich über neue Mitstreiter“, betont Birgit. „Gerade hat mich jemand angerufen und nachgefragt. Schau einfach vorbei, wenn es dir passt, hab' ich gesagt und an seiner Stimme am anderen Ende der Leitung die Erleichterung gehört.“

Neuanfang mit Perspektive

Heute geht es Birgit deutlich besser. Sie ist dankbar, dass ihre Beziehung den Sturm überstanden hat – im Gegensatz zu anderen Betroffenen, die sie kennt. Ihr Mann stand ihr während der gesamten schwierigen Zeit bei. Mit ihren ehemaligen Kollegen ist sie nach wie vor befreundet, auch wenn der Gang ins Center heute noch ihren Herzschlag beschleunigt.

Ein besonderer Lichtblick ist ihr kleiner Hund, ein Bolonka, dem sie verschiedene Tricks beigebracht hat. „Ab und zu besuchen wir Senioreneinrichtungen, damit er die zeigen kann“, erzählt Birgit mit leuchtenden Augen. „Dann schenken wir den alten Menschen ein Lächeln.“

Das Schönste aber: Birgit hat wieder einen Job gefunden, zumindest für einige Stunden pro Woche. „Beim Vorstellungsgespräch hatte ich eine Heidenangst“, gesteht sie. „Nach den Erfahrungen mit Chefs. Jetzt läuft es super. Ich bekomme Lob und Wertschätzung und kann in meinem Tempo arbeiten.“ Die Erkenntnis, die sie gewonnen hat, ist wertvoll: „Ich habe gelernt, dass Arbeit wieder Spaß machen kann.“

Selbsthilfegruppen in der Region

Für Betroffene gibt es in der Region verschiedene Anlaufstellen:

  • Die Selbsthilfegruppe „Burnout - und das Leben danach“ trifft sich jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat um 17 Uhr im Kiss (Nordufer Pfaffenteich), Spieltordamm 9, 19055 Schwerin.
  • Die Gruppe „mit.gefühl“ in Wismar richtet sich speziell an junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, die sich offen über mentale Belastungen, Ängste und Zweifel austauschen möchten. Sie trifft sich monatlich von 17 bis 19 Uhr in der Zone 3 des StartUpYards (Gebäude 28 A) der Hochschule Wismar.

Laut dem Deutschen Bundesverband für Burnout-Prävention sind bis zu 13 Millionen Arbeitnehmende in Deutschland von Burnout betroffen. Birgits Geschichte zeigt, wie wichtig frühzeitiges Erkennen und professionelle Hilfe sind – und dass es Wege aus der Erschöpfung gibt.