Thüringen: Pandemie hinterlässt tiefe Spuren bei Jugendlichen
Die Corona-Pandemie hat bei jungen Menschen in Thüringen deutliche Spuren hinterlassen, die nun in einer umfassenden Studie sichtbar werden. Der aktuelle Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit offenbart einen besorgniserregenden Anstieg psychischer Erkrankungen, der insbesondere Mädchen im Teenageralter betrifft.
Alarmierende Zahlen bei Angststörungen und Depressionen
Die wissenschaftliche Untersuchung konzentrierte sich auf Thüringer Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren und fand hier besonders deutliche Entwicklungen. Im Jahr 2024 befanden sich etwa 72 von 1.000 DAK-versicherten jugendlichen Mädchen aufgrund von Angststörungen in ambulanter oder stationärer Behandlung. Hochgerechnet auf das gesamte Bundesland waren damit rund 2.000 Teenagerinnen betroffen.
Im Vergleich zum letzten Vorpandemie-Jahr 2019 entspricht dies einem Anstieg um 42 Prozent. Besonders häufig traten soziale Phobien und Panikstörungen auf, die das tägliche Leben der betroffenen Jugendlichen erheblich beeinträchtigen.
Chronische Verläufe nehmen zu
Marcus Kaiser, DAK-Landeschef in Thüringen, betont die Ernsthaftigkeit der Situation: „Die aktuellen Ergebnisse zeigen eine neue Dimension. Die leise Hoffnung auf einen Rückgang psychischer Erkrankungen hat sich nicht erfüllt.“ Besonders besorgniserregend sei die Zunahme chronischer Verläufe.
Die Zahl jugendlicher Mädchen mit chronischen Angststörungen stieg seit 2019 im Freistaat um 75 Prozent. „Ängste, Depressionen und Essstörungen begleiten viele junge Menschen inzwischen dauerhaft – vor allem Mädchen“, so Kaiser weiter.
Depressionen und Essstörungen auf hohem Niveau
Ein ähnlicher Trend zeigt sich bei Depressionen und Essstörungen. Nach einem vorübergehenden Rückgang im Jahr 2022 stiegen die Behandlungszahlen für Depressionen bei jugendlichen Mädchen wieder an und lagen 2024 um 48 Prozent höher als im Vergleichsjahr 2019. Hochgerechnet wurden in Thüringen etwa 2.100 jugendliche Mädchen wegen einer Depression behandelt.
Essstörungen haben sich laut der Studie auf einem hohen Niveau stabilisiert. Im Jahr 2024 waren etwa 600 Teenagerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren wegen Essstörungen in Behandlung. Diese Zahlen verdeutlichen die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit junger Menschen.
Langfristige Folgen für eine ganze Generation
Die Experten warnen vor den langfristigen Konsequenzen dieser Entwicklung. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einen Teil dieser Generation verlieren“, mahnt der DAK-Landeschef. Psychische Erkrankungen im Jugendalter könnten sich bis ins Erwachsenenleben fortsetzen und sowohl das Familienleben als auch die berufliche Entwicklung beeinträchtigen.
Die Studie macht das Erbe der Pandemie deutlich sichtbar: „Die Zahlen zeigen eine langfristige Verfestigung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen“, erklärt Kaiser. Jugendliche würden oft auch später als Erwachsene an den Folgen ihrer psychischen Erkrankungen leiden.
Umfassende Datenbasis und Forderungen
Für die Analyse werteten Wissenschaftler die Abrechnungsdaten von rund 17.700 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren aus, die bei der DAK-Gesundheit in Thüringen versichert sind. Untersucht wurde der Zeitraum von 2019 bis 2024 mit etwa 929.300 ambulanten Arzt- und Therapeutenbesuchen, Krankenhausaufenthalten und Arzneimittelverschreibungen.
Insgesamt sind bei der Krankenkasse in Thüringen nach eigenen Angaben etwa 130.000 Menschen versichert. Angesichts der alarmierenden Ergebnisse fordert der DAK-Landeschef konkrete Maßnahmen: „Deshalb brauchen wir jetzt eine Offensive für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Thüringen.“ Die Studie unterstreicht die Dringlichkeit, psychische Erkrankungen bei Jugendlichen frühzeitig zu erkennen und angemessen zu behandeln.



