Die Falle der ständigen Verfügbarkeit: Wie man aus der Verantwortlichkeitsspirale ausbricht
Die Suche nach einer Unterkunft für den Freundesausflug, das Besorgen eines Geschenks für die Kollegin, die Essensplanung für die ganze Woche – immer wieder sind es dieselben Menschen, die diese Aufgaben übernehmen. Andere verlassen sich darauf, dass Sie es erledigen, und dieses ständige Gefühl der Verpflichtung kann zermürbend wirken. Doch es gibt eine Exit-Strategie.
Das Phänomen der Überverantwortung
Im Job-Meeting, im Freundeskreis oder in der Partnerschaft: Wenn die Frage „Wer kann sich kümmern?“ fällt, sind es oft dieselben Personen, die nach kurzem Schweigen mit „Ich mach's“ antworten. Diese Menschen sind stets engagiert, erkennen Aufgaben, bevor andere sie überhaupt wahrnehmen, und sind immer für andere da. Doch dieses starke Verantwortungsgefühl fordert seinen Tribut.
Die Ärztin und Therapeutin Mirriam Prieß behandelt regelmäßig Patienten, die sich erschöpfen oder ausbrennen, weil sie sich permanent um andere kümmern und dabei sich selbst vernachlässigen. Besonders betroffen sind Frauen, die in traditionellen Rollenmustern gefangen sind.
Vier konkrete Schritte zur Veränderung
Wer in diesem Verhaltensmuster feststeckt, aber etwas ändern möchte, kann mit diesen vier Schritten beginnen:
- Die biografische Reflexion: Woher kommt dieses Verhalten?
Oft wurzelt die Neigung, ständig Verantwortung zu übernehmen, in der Kindheit. Vielleicht wurde dieses Verhalten von der Mutter übernommen, der Harmonie und Zufriedenheit aller besonders wichtig waren. Möglicherweise fehlte in der Familie bedingungslose Liebe – Anerkennung gab es nur für gute Leistungen oder das Übernehmen von Verantwortung. „So lernt ein Kind: Wenn ich für Harmonie sorge und viel leiste, werde ich geliebt“, erklärt Prieß. Die Tücke: Wer mit dieser Überzeugung lebt, verliert mit der Zeit den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen. - Beziehungsanalyse: Wer gibt wie viel?
In Freundschaften, im Beruf oder in der Partnerschaft geht es darum, Geben und Nehmen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die sogenannte „Drittel-Regel“ bietet Orientierung: „Eine gesunde Beziehung bedeutet: Ein Drittel komme ich vor, ein Drittel kommst du vor, ein Drittel kommt unser Miteinander vor“, so Prieß. Ein wichtiger Indikator ist das Bauchgefühl – die Frage „Fühle ich mich gut?“. Wer zu viel gibt, hat häufig den Eindruck, nur noch zu funktionieren. - Das offene Gespräch: Wie können wir die Situation verbessern?
Nach der Analyse folgt der Dialog auf Augenhöhe. Hilfreiche Fragen sind: Was gebe ich? Was bekomme ich? Was brauche ich, um mich wohlzufühlen? Wie können wir Aufgaben fair verteilen, sodass jeder Raum hat – ich, du und unsere Beziehung? Gemeinsam sollten auch Erwartungen reflektiert werden. - Konsequenzen ziehen: Will ich so weitermachen?
Im Idealfall reagiert das Gegenüber mit Einsicht und dem Willen zur Veränderung. Doch was, wenn sich nichts ändert und die Person weiterhin passiv bleibt, weil sie von der eigenen Überverantwortung profitiert? „Wenn das Gegenüber nicht nachziehen will, ist das seine Entscheidung“, betont Prieß. Dann gilt es, die eigene Integrität zu wahren und klar zu kommunizieren: „Das entspricht nicht meinen Vorstellungen.“ In manchen Fällen bleibt nur der Ausstieg aus der Freundschaft oder Beziehung – ein entschiedenes „Ja“ zu sich selbst.
Der Weg aus der Verantwortlichkeitsspirale erfordert Mut und Selbstreflexion, doch er lohnt sich: Für mehr Balance, mehr Selbstfürsorge und letztlich für gesündere Beziehungen.



