Ende einer Ära in München: Letzte Schreibmaschinen-Werkstatt schließt nach fast drei Jahrzehnten
In der Lüneburger Straße 2 in Milbertshofen geht eine Münchner Institution zu Ende. Die Büromaschinen-Werkstatt von Josef Bajfus (69) und Karl-Heinz Schulze (81) – die letzte ihrer Art in der bayerischen Landeshauptstadt – schließt nach 28 Betriebsjahren endgültig ihre Türen. Bis zum 16. März findet noch ein Räumungsverkauf statt, danach wird aus dem kultigen Laden eine Wohnung.
Schreibmaschinen-Paradies mit prominenter Kundschaft
Das vollgestopfte Geschäft, in dem sich die Regalbretter unter der Last unzähliger Schreibmaschinen biegen, war mehr als nur eine Werkstatt. Es war ein kleines Museum der Schreibkultur, das nach Reinigungsbenzin, Walzenreiniger und Öl roch. Über 5.000 Adressen umfasst die Kartei der beiden leidenschaftlichen Mechaniker, darunter zahlreiche Münchner Prominente.
„Kabarettistin Luise Kinseher, Dieter Hildebrandt, Loriot und Ex-BR-Moderatorin Caroline Reiber gehörten zu unseren Kunden“, erinnert sich Josef Bajfus. „Hildebrandt hatte mindestens vier oder fünf Schreibmaschinen daheim. Wir haben sie alle wieder zum Laufen gebracht.“
Handwerkliche Leidenschaft und persönlicher Service
Die beiden Mechanikermeister, die zufällig im gleichen Münchner Betrieb gelernt haben, verbindet eine fast drei Jahrzehnte währende Zusammenarbeit ohne einen einzigen Streit. Ihr Arbeitsethos war geprägt von persönlichem Service: „Wir sind immer ans Telefon gegangen und haben meist gesagt: Kommen Sie gleich bei uns in Milbertshofen vorbei!“
Josef Bajfus bedauert den heutigen Umgang mit Kunden: „Der Dienst am Kunden kommt heute viel zu kurz. Am Telefon höre ich nur noch ‚Hallo, drücken Sie die 1‘. Diesen Schmarrn finde ich furchtbar.“
Von Retro-Fans bis zu Senioren: Eine treue Kundengemeinschaft
Die Kundschaft der Werkstatt war vielfältig: Jugendliche, die das Retro-Feeling schätzen, sammelten hier mechanische Schreibmaschinen im Koffer ab 70 Euro. Modelle mit Display und Speicher kosteten etwa 200 Euro. 30 Stück lagern noch in den offenen Regalen, bevor der endgültige Ausverkauf beginnt.
Besonders wichtig war der Service für ältere Münchner: „Es gibt Senioren, die besser tippen können als mit der Hand schreiben“, erklärt Bajfus. Kürzlich reparierte er die Schreibmaschine eines über 90-jährigen Mannes aus dem Seniorenheim Augustinum: „Der war so happy. Er braucht seine Maschine.“
Das Ende einer handwerklichen Tradition
Der Mietvertrag wurde gekündigt, das Haus wird generalsaniert. Für die beiden Handwerker fällt der Abschied schwer. „Es geht dahin mit der weltberühmten Firma“, sagt Josef Bajfus traurig. Karl-Heinz Schulze, dessen Großvater bereits Schreibmaschinen reparierte, wird sich nun seinem Garten widmen und „mal wieder ins Gebirge fahren“.
Josef Bajfus, der 25 Jahre lang nie Urlaub gemacht hat, plant Reisen an die Nordsee. Doch der Abschied von der Werkstatt fällt ihm schwer: „Ich wollte meine Kunden nicht hängen lassen. Das war halt so.“
Vom Klappern der Maschinen zum Schweigen
Mit dem sympathischen kreativen Chaos im Geschäft, den altmodischen Werkstattschränken aus Holz mit kleinen Schubladen voller Ersatzteile und dem charakteristischen Klappern der Schreibmaschinen verschwindet ein Stück Münchner Handwerksgeschichte. Die beiden letzten Büromaschinenmechaniker der Stadt verabschieden sich von einer Ära, in der Metall noch unverwüstlich war und Reparaturen mit schmutzigen Fingern zur Tagesordnung gehörten.



