80 Jahre „Die Mörder sind unter uns“: Ein Meilenstein der deutschen Filmgeschichte
80 Jahre „Die Mörder sind unter uns“: Film-Meilenstein

Ein filmisches Denkmal der Nachkriegszeit

Der Zweite Weltkrieg war gerade erst zehn Monate vorbei, deutsche Städte lagen noch in Trümmern, als im März 1946 in Berlin die erste Klappe für einen bahnbrechenden Film fiel. Bis August desselben Jahres dauerten die Dreharbeiten zu „Die Mörder sind unter uns“, dem ersten deutschen Nachkriegsspielfilm überhaupt. Acht Jahrzehnte später bleibt dieses Schwarz-Weiß-Werk von Regisseur Wolfgang Staudte mit der jungen Hildegard Knef in der Hauptrolle ein faszinierendes und bewegendes Stück Filmgeschichte.

Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft in Trümmern

Die Handlung beginnt mit der Rückkehr von Susanne Wallner, gespielt von Hildegard Knef, aus einem Konzentrationslager. In ihrer Berliner Wohnung trifft sie auf den ehemaligen Soldaten Dr. Hans Mertens, dargestellt von Ernst Wilhelm Borchert, der dem Alkohol zugeneigt ist und mit seinen Kriegserlebnissen kämpft. Gemeinsam versuchen sie, ihre traumatischen Erfahrungen aus dem Krieg zu verarbeiten und einen Neuanfang zu finden. Aus heutiger Perspektive fällt auf, wie sich Susanne auffällig Hans unterordnet, während das Leid des Ex-Soldaten im Film deutlich mehr Raum einnimmt. Dennoch erweist sich Susanne letztlich als die weitaus klügere und stärkere Figur.

Konfrontation mit der Vergangenheit

Die Handlung spitzt sich zu, als Hans Mertens seinem früheren Hauptmann Ferdinand Brückner begegnet, der für ein Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Mertens plant, den Weg der Selbstjustiz zu gehen, um das Massaker an Zivilisten am Weihnachtsabend 1942 an der Ostfront zu rächen. Susanne, deren Lebensmotto „Leben, endlich einmal leben“ lautet, hält ihn im letzten Moment davon ab und überzeugt ihn, Brückner vor Gericht zu bringen. Arno Paulsen verkörpert den Hauptmann als feisten Opportunisten, der in seiner unzerstörten Wohnung behaglich lebt und keinerlei persönliche Schuld anerkennt. Die Szene, in der Mertens ihn erschießen will, ist ästhetisch nah am Stummfilm angesiedelt und stellt großes Kino dar – ein feiger Mann ohne Gewissen, gefangen im Schatten seiner Schuld.

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Die bewegende Entstehungsgeschichte

Ursprünglich trug der Film den Arbeitstitel „Der Mann, den ich töten werde“. In der Urfassung tötete Mertens tatsächlich den Hauptmann. Doch die sowjetischen Zensoren und Filmaufseher befürchteten, die Zuschauer könnten darin eine Ermutigung zur Selbstjustiz sehen, und bestanden auf einer Entschärfung des Stoffs. Für Autor und Regisseur Wolfgang Staudte war der Film eine persönliche Abrechnung. Er selbst fühlte sich von der Nazi-Herrschaft gedemütigt und beobachtete mit ohnmächtiger Wut, wie ehemalige Mitläufer schnell wieder in einflussreiche Positionen gelangten.

Premiere und historischer Kontext

Die Premiere fand am 15. Oktober 1946 im Admiralspalast im sowjetischen Sektor Berlins statt – kurz nach den Urteilen im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Am 11. April 1947 folgte die erste Aufführung in den westlichen Besatzungszonen in Baden-Baden. Gedreht wurde an historischen Orten wie dem heute verschwundenen Andreasplatz in Berlin-Friedrichshain und in den Trümmern der 1964 gesprengten Petri-Kirche in Berlin-Mitte. Viele Aufnahmen entstanden jedoch auch in den kleinen Althoff-Ateliers in Potsdam-Babelsberg, wo am 17. Mai 1946 auch die offizielle Gründung der Deutschen Film AG stattfand.

Filmische Besonderheiten und Zeitdokument

Gleich zu Beginn des Films wird das Ausmaß der Zerstörung Berlins deutlich. Hans Mertens läuft durch Ruinen, Berge von Steinen und Schutt säumen die Straßen, nur einzelne Hauswände ragen wie Mahnmale in den Himmel. Mittendrin spielen Kinder – ein starkes Bild der widersprüchlichen Nachkriegsrealität. Staudte unterlegt diese Szenen mit fröhlicher Klaviermusik, in die bedrohlichere Klänge einfließen. Die Kamera ist ständig in Bewegung, spielt mit Schärfe und Unschärfe und transportiert so die Unruhe der Zeit. Bemerkenswert ist, dass der Holocaust im Film nahezu keine Erwähnung findet – nur in einer Szene ist ein Zeitungstitelblatt zu sehen, das von Millionen vergasten Menschen in Auschwitz berichtet.

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Ein zeitloses filmisches Erbe

Auch 80 Jahre nach seiner Entstehung lohnt sich ein Blick auf „Die Mörder sind unter uns“. Der Film ist nicht nur ein wichtiges Stück deutscher Filmgeschichte, sondern auch ein eindrucksvolles Zeitdokument, das die moralischen und emotionalen Abgründe der unmittelbaren Nachkriegszeit einfängt. Wolfgang Staudtes Werk bleibt ein Meilenstein, der bis heute nichts von seiner Kraft und Relevanz verloren hat.