Biennale Venedig: Poesie statt Protest – Ein Rundgang
Biennale Venedig: Poesie statt Protest

Die 61. Biennale von Venedig ist eröffnet, doch statt feiner Töne dominieren laute Proteste und politische Spannungen. Die weltweit wichtigste Kunstschau wird von Kontroversen um den russischen Pavillon, den Rücktritt der Jury und den Tod der Kuratorin Koyo Kouoh überschattet. Dabei hatte Kouoh mit ihrem Motto „In Minor Keys“ bewusst auf leise, poetische Töne gesetzt. Ein Rundgang durch die Ausstellung zeigt: Trotz aller Turbulenzen ist die Kunst oft still und nachdenklich.

Proteste und politische Verwicklungen

Bereits in der Eröffnungswoche sorgte der russische Pavillon für Aufsehen. Nach zweijähriger Abstinenz feierte Russland mit einer Party und kostenlosem Hochprozentigem – als sei nichts geschehen. Die Punkband Pussy Riot und das feministische Kollektiv Femen protestierten lautstark in grellem Pink: „Russlands Kunst ist eine blutige, leistet Widerstand!“ Der Protest richtete sich nicht nur gegen das Putin-Regime, sondern auch gegen Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco, der einen Boykott Russlands ablehnte, obwohl die EU-Kommission mit dem Streichen von Fördermitteln drohte. Der Iran sagte seine Teilnahme ab, Israels Pavillon bleibt geschlossen. Die Frage nach dem Umgang mit Krieg führenden Nationen spaltet die Kunstwelt.

Der Tod von Koyo Kouoh und Henrike Naumann

Ein Schatten liegt über dieser Biennale: Kuratorin Koyo Kouoh erlag im Mai 2025 einer Krebserkrankung. Ihr Team führte ihre konzeptuelle Arbeit fort. Auch Henrike Naumann, eine der beiden Künstlerinnen des Deutschen Pavillons, starb im Februar mit nur 41 Jahren. Die Eröffnungspartys fielen aus. Kouohs Motto „In Minor Keys“ scheint fast prophetisch: „Sie verweigern sich orchestralem Bombast oder militärischem Stechschrittmarsch und werden in leisen Tönen, tieferen Frequenzen, dem Summen und dem Trost der Poesie lebendig.“

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Poetische Kunst in den Giardini

Der Hauptpavillon in den Giardini beginnt ruhig: Otobong Nkanga verkleidete die Pfeiler mit Backsteinen und Keramikbehältern, in denen Pflanzen wachsen. Still und unaufhaltsam verwandeln sie die Fassade in einen vertikalen Wald. Drinnen beeindruckt Big Chief Demond Melancon mit farbintensiven Mardi-Gras-Kostümen, bestickt mit winzigen Perlen, die auf das Black-Masking der schwarzen Sklaven in New Orleans verweisen. Célia Vásquez Yuis „Parlament der Tiere“ aus Tonskulpturen versperrt den Weg und stellt imaginäre Fragen: Wie gehen wir mit der Natur um? Annalee Davis aus Barbados bestickt feine Decken mit Pflanzen ihrer Heimat – eine stille Erinnerung an die Kolonialgeschichte.

Das Arsenale: Ort des Innehaltens

Im Arsenale, der alten Schiffswerft, werden die Töne lauter, aber viele Beiträge laden zum Verweilen ein. Kouoh reduzierte die Schau auf 111 Künstler, die sich ausführlich präsentieren können. Annalee Davis schuf ein Großherbarium mit dem Titel „Let this be my Cathedral“, vor dem man meditieren kann. Rajni Perera und Marigold Santos erschufen eine imposante weibliche Tonfigur, die sich herausfordernd aufbäumt, während ihre abgetrennten Beine jede Aktion verweigern. Viel Ton, Textilien, Florales und Verpuzzeltes – Hochglanzmaterialien fehlen. Das hat etwas Wohltuendes, auch wenn zwischendurch ein bisschen Kitsch in Kauf genommen wird.

Deutscher Pavillon: Ost-Perspektiven

Henrike Naumann und Sung Tieu gestalten den Deutschen Pavillon. Naumann zeigt ein trostloses Ost-Wohnzimmer im Stil der frühen Neunziger und ein rekonstruiertes Bild ihres Großvaters mit Altkleidern. Ein eiserner Vorhang aus Kettenhemden blickt zur Lagune. Sung Tieu, Tochter vietnamesischer Vertragsarbeiter in der DDR, überzog den Pavillon mit einer Plattenbaufassade aus Mosaiksteinchen. Beide Positionen bringen die Perspektiven des Ostens eindringlich zusammen – bei allem Ernst regieren auch Leichtigkeit und Schokoladenmarienkäfer, die an den Wänden krabbeln.

Österreichischer Pavillon: Radikale Performance

Florentina Holzinger verwandelte den Österreichischen Pavillon in die „Venice Seaworld“. Sie führt den Kreislauf des Wassers vor – vom Urin über Fäkalien bis zum Schwimmbassin, in dem ein Jetski kreist. Nackte Performerinnen läuten stündlich Glocken, eine schwingt als Schlegel hin und her. Radikal und attraktiv für schaulustige Besucher, aber auch verstörend.

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Die Biennale läuft bis zum 22. November. Trotz aller Kontroversen zeigt sie: Die leisen Töne haben ihre eigene Kraft.