Offener Brief mit 700 Unterschriften: Filmschaffende verteidigen Berlinale-Chefin Tuttle
Filmschaffende verteidigen Berlinale-Chefin Tuttle in offenem Brief

Offener Brief mit 700 Unterschriften: Filmschaffende verteidigen Berlinale-Chefin Tuttle

In einem bemerkenswerten Zeichen der Solidarität haben sich Hunderte Filmschaffende in einem offenen Brief gegen eine mögliche Abberufung von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle ausgesprochen. Das Schreiben, das von einer Filmagentur verschickt wurde und knapp 700 Unterzeichner auflistet, erreichte die Öffentlichkeit kurz vor einer entscheidenden Sondersitzung des Aufsichtsrats.

Prominente Unterstützung aus der Filmwelt

Unter den Unterzeichnern finden sich zahlreiche prominente Namen der internationalen Filmszene. Regisseur Tom Tykwer („Babylon Berlin“), Schauspielerin Tilda Swinton („The Room Next Door“) und der frühere Jurypräsident sowie Filmemacher Todd Haynes („Carol“) gehören zu den Unterstützern. In dem Brief heißt es deutlich: „Wenn in einer außerordentlichen Sitzung über die Zukunft der Festivalleitung entschieden wird, steht mehr auf dem Spiel als eine Personalfrage. Es geht um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit.“

Politische Kontroversen überschatten das Festival

Während der vergangenen Berlinale-Ausgabe hatten sich mehrfach politische Debatten entzündet, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Mehrere Filmschaffende, darunter Tilda Swinton und Javier Bardem, hatten der Berlinale vorgeworfen, sich im Gaza-Krieg nicht ausreichend an die Seite der Palästinenser zu stellen. Besonders kontrovers diskutiert wurde eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, in der er der Bundesregierung vorwarf, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein.

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Umweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin den Saal, während die israelische Regierung und die Bundesregierung die Völkermord-Vorwürfe entschieden zurückwiesen. Die Filmschaffenden betonen in ihrem Brief jedoch: „Keine dieser Aussagen stammt von der Festivalleitung selbst, sondern von eingeladenen Filmschaffenden.“

Kulturstaatsminister beruft Sondersitzung ein

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat für diesen Donnerstag eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen. Medienberichten zufolge könnte Tuttle vorzeitig ihren Posten verlieren. Die US-Amerikanerin leitet die Berlinale seit dem Jahr 2024 und steht damit vor einer möglichen vorzeitigen Beendigung ihrer Amtszeit. Sowohl der Sprecher von Kulturstaatsminister Weimer als auch die Berlinale selbst haben sich zu den Spekulationen bisher nicht geäußert.

Kernforderungen des offenen Briefs

Die Unterzeichner des Briefes machen deutlich, dass ihrer Ansicht nach grundlegende Prinzipien auf dem Spiel stehen:

  • Ein internationales Festival sei kein diplomatisches Ereignis, sondern ein schützenswerter Ort der Demokratie
  • Die Stärke eines solchen Festivals liege darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen
  • Selbst ein Foto der Festivalleitung mit Filmschaffenden, auf dem eine palästinensische Flagge zu sehen gewesen sei, gehöre zur normalen Praxis eines solchen Festivals

Die Filmschaffenden warnen eindringlich: „Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck.“ Und weiter: „Wenn jede Kontroverse institutionelle Konsequenzen nach sich zieht, wird aus Diskurs Kontrolle.“

Die Debatte um die Zukunft der Berlinale-Leitung hat damit eine neue Dimension erreicht. Während politischer Druck auf die Kulturinstitution wächst, formiert sich gleichzeitig breiter Widerstand aus der Filmszene selbst. Die Entscheidung des Aufsichtsrats an diesem Donnerstag wird nicht nur über das Schicksal von Tricia Tuttle entscheiden, sondern möglicherweise auch über die künftige Ausrichtung eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt.

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