Hape Kerkeling: „Wir müssen uns wieder lebendiger fühlen!“ – Horst Schlämmer sucht das Glück
Hape Kerkeling: Horst Schlämmer sucht das Glück im toxischen Jahr 2026

Hape Kerkeling: „Wir müssen uns wieder lebendiger fühlen!“

Der Allroundkünstler über seinen neuen Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“, über Stimmungsaufheller, Selbstbetrachtungen und den demokratischen Dornröschenschlaf.

Corona ist vorbei, doch die allgemeine Stimmungslage bleibt düster. So miesepetrig, dass es Horst Schlämmer, Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatts“, nicht mehr aushält. Als dann auch noch seine Stammkneipe „Wilddieb“ schließt, macht sich Schlämmer mit einer jungen Social-Media-Mitarbeiterin auf die Suche nach dem Glück – ganz ähnlich wie einst Herr Rossi. Die Wette mit dem Ex-Wirt: Kommt der Film über die Glückssuche ins Kino, öffnet auch die Stammkneipe wieder.

Die Rückkehr einer Kultfigur

Das ist die Ausgangslage für das Roadmovie „Horst Schlämmer sucht das Glück“, mit dem Hape Kerkeling seine Kultfigur zum zweiten Mal auf die Leinwand bringt. Der 61-jährige Hans-Peter Wilhelm Kerkeling aus Recklinghausen – Komiker, Autor, Sänger, Schauspieler und Regisseur – peppt die Handlung mit satirischen Miniaturen über das deutsche Unterhaltungsfernsehen auf. Denn Schlämmer ist glühender Verehrer der Schauspielerin Gabi Wampel, deren Wirken er verfolgt.

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Kerkeling schlüpft dabei nicht nur in die „Schlämmer“-Rolle, sondern verkörpert auch einen „Guldenburg“-Pferdepfleger, „Traumschiff“-Gast, afrikanischen Farmer und vieles mehr. Der Film startet am Donnerstag in den deutschen Kinos.

Von Lokalreportern und traumatischen Erfahrungen

„Absolut. Das sind all diese Lokalreporter, denen ich begegnen durfte“, antwortet Kerkeling auf die Frage, ob Horst Schlämmer auf traumatischen Erfahrungen mit der Presse beruht. In Turnhallen zwischen Ransbach-Baumbach und Bergisch-Gladbach traf er damals auf Figuren, die im Kern diesen „Schlämmer-Spirit“ atmeten.

Dabei hatte Kerkeling Horst Schlämmer vor Jahren in Interviews für beerdigt erklärt – die Figur sei aus der Zeit gefallen. „Man hätte es dabei belassen können, aber ich empfand die Rückkehr als notwendig“, erklärt der Künstler. Als Horst 2009 in „Isch kandidiere!“ in den Wahlkampf zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier stolperte, war Politik noch ein vergleichsweise amüsantes Geschäft. Im Jahr 2026 hingegen ist die Politik ein hochgradig toxisches Metier geworden.

Horst Schlämmer als demokratischer Stimmungsaufheller

„Horst fungiert als der notwendige Stimmungsaufheller, gerade weil er im Kern ein durch und durch demokratischer Charakter ist“, betont Kerkeling. Schlämmer begegne jedem auf Augenhöhe – ob Domina im SM-Studio, Markus Söder oder Kardinal Woelki. Für ihn sei das alles ein und dasselbe Biotop.

Gute Stimmung sei durchaus politisch, meint Kerkeling. „Es hat schon seinen Grund, warum immer wieder dieser berühmte Glücksindex erhoben wird“. Welches Land sei das glücklichste? Letztlich handele es sich auch um einen Kampf der Systeme. Oft gewännen die Finnen – auch wenn sich das durch die Lage in Russland gerade verschieben möge.

Selbstironie und parodistische Fernsehwelt

Im Roadmovie interviewt Horst Schlämmer Menschen durch ganz Deutschland – darunter auch den im Film arrogant dargestellten Erfolgsschriftsteller Hape Kerkeling. „Sagen wir es so: Ich habe mich neu ausgeleuchtet“, erklärt der Schauspieler. Dabei habe er Facetten an sich entdeckt, die ihm bisher fremd waren.

Das Roadmovie wird unterbrochen durch eine parodistische Nummernrevue über die vorgeblich heile Welt des deutschen Unterhaltungsfernsehens. „Wir haben uns hier von der ursprünglichen Planung gelöst“, so Kerkeling. Die Idee, die deutsche Fernsehlandschaft von 1950 bis 1990 als nostalgischen Wohlfühlfaktor abzubilden, entstand erst im Laufe des Prozesses.

Von Afrika bis Bayern: Drehorte und Begegnungen

Die ambitionierten Drehpläne mussten teilweise angepasst werden. Statt in Afrika drehte man für die afrikanische Dschungelklinik-Szene in der Nähe von Hamburg. „Nirgendwo in Deutschland ist die Ähnlichkeit mit der afrikanischen Savanne so frappierend wie im Hamburger Umland“, scherzt Kerkeling.

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Eine besondere Herausforderung war die Zusammenarbeit mit Schauspielkollegin Tahnee Schaffarczyk. „Ich habe selten mit jemandem zusammengespielt, der so unfassbar komisch ist“, schwärmt Kerkeling. In einer Szene, in der er eine Lehrerin spielt, zieht Schaffarczyk einen Stuhl durchs Klassenzimmer – ein Geräusch, das Kerkeling als erschaudernd vertraut beschreibt.

Begegnung mit Markus Söder und Medienkonsum

Auf seiner Suche nach dem bayerischen Glück besucht Horst Schlämmer auch den Löwen in der Bayerischen Staatskanzlei. „Herr Söder drängt sich einem via Social Media ja geradezu auf“, erklärt Kerkeling. Tatsächlich gebe es zwischen ihm und dem bayerischen Ministerpräsidenten mehr Sympathien, als man von außen vermuten würde.

Was seinen Medienkonsum betrifft, verrät Kerkeling eine ungewöhnliche Vorliebe: „Ich lese sehr gerne die ‚Apotheken Umschau‘“. Der Grund? „Weil dieses Blatt mir helfen will. Die Redaktion dort will mich gesund und munter sehen – da schwingt nichts Negatives mit.“

Demokratie in Gefahr: Ein Appell zum Aufwachen

Die aktuelle Weltpolitik betrübt den Künstler. „Es versetzt mich in Erstaunen, dass Menschen an die Schalthebel der Macht gelangen, die offenkundig dümmer sind als ich“. Das bedeute im Umkehrschluss nicht, dass er selbst ans Ruder wolle – nur, dass diese Leute dort nichts verloren hätten.

Doch Kerkeling weigert sich, zuzulassen, dass die Nachrichtenlage seine Grundstimmung vergiftet. „Ich sehe es als unsere Aufgabe, uns gegen diese Zustände zu wehren. Vielleicht ist dies eine Zeit, in der wir uns alle wieder lebendiger fühlen müssen.“

Der Künstler warnt vor einem demokratischen Dornröschenschlaf: „Möglicherweise haben wir zuvor gedämmert und geglaubt, die Demokratie käme einfach so aus der Steckdose. Das tut sie nicht mehr. Sie ist in Gefahr, und wir müssen aktiv an ihrem Erhalt arbeiten. Das erfordert Fleiß, Kampfgeist und vor allem Durchhaltevermögen.“

Mit „Horst Schlämmer sucht das Glück“ bringt Hape Kerkeling nicht nur eine Kultfigur zurück auf die Leinwand, sondern liefert auch einen zeitgemäßen Kommentar zur gesellschaftlichen Stimmungslage – und einen Appell, sich für die Demokratie einzusetzen.