Iris Berben im exklusiven Interview: Liebe, Emanzipation und ein fast perfekter Antrag
Iris Berben, eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, steht im Mittelpunkt des neuen Films „Ein fast perfekter Antrag“. In der romantischen Komödie spielt sie eine leidenschaftliche Kunstgeschichtsprofessorin, die zwangspensioniert werden soll. Plötzlich taucht unter ihren Studenten ein alter Freund als Seniorenstudent auf, der an seine Liebe von vor 40 Jahren anknüpfen will – trotz eines damals gescheiterten Antrags. An der Seite von Heiner Lauterbach zeigt Berben eine selbstbewusste, unabhängige Frau, die das Leben auch jenseits der 70 in vollen Zügen genießt.
Die Rolle als Spiegelbild: Selbstbestimmung und Vitalität
„Ich habe die Rolle angenommen, weil ich mich in der Freigeistigkeit, Selbstbestimmung, Offenheit und Neugierde wiedererkannt habe“, erklärt Iris Berben im Interview. Sie betont, dass solche Rollen für ältere Frauen noch immer selten seien, obwohl sie der Realität entsprechen. „Liebe, Sehnsüchte, Zärtlichkeiten, Sex – das alles hört ja im Alter nicht auf“, so die Schauspielerin. Sie verweist auf internationale Vorbilder wie Helen Mirren und Jane Fonda, die mit starken Rollen eine große Reichweite erzielen.
Berben kritisiert, dass die Gesellschaft oft vergesse, wie wertvoll Lebenserfahrung und Altersweisheit sein können. Gleichzeitig warnt sie vor Kampfbegriffen wie „alter weißer Mann“, die diskriminierend wirken. Ihr persönliches Hasswort ist „Cancel Culture“: „Wir wollen Menschen mitnehmen und im Dialog bleiben, nicht Andersdenkende ‚canceln‘“, sagt sie. Sie befürchtet, dass ideologische Sprachänderungen viele verschrecken und Rückschritte begünstigen könnten.
Ehe versus Beziehung: Eine persönliche Entscheidung
Im Film lehnt Berbens Figur einen Heiratsantrag ab, bleibt aber offen für eine Beziehung. Dies spiegelt ihre eigene Haltung wider: „Ich habe bis heute nicht geheiratet, weil mir das Ehekonzept nicht gepasst hat“. In den 1960er-Jahren sozialisiert, sah sie die Ehe als ein Konstrukt, gegen das man sich wehren musste. „Wir hätten damals als verheiratete Frauen kein Konto eröffnen dürfen“, erinnert sie sich.
Trotzdem betont Berben, dass sie kein Ehegegner sei. „Wie schön, dass wir in einer Zeit leben, in der man sich entscheiden kann“. Sie zeigt Verständnis für Frauen, die in der Ehe Sicherheit suchen, warnt aber vor Rückschritten in der Emanzipation. Besonders besorgt ist sie über Phänomene wie die „Trad-Wifes“ in sozialen Medien, die sich bewusst auf traditionelle Rollen zurückziehen.
Gesellschaftliche Herausforderungen: Demokratie und Dialog
Berben äußert sich auch zu aktuellen politischen Themen. Sie beklagt, dass emanzipatorische Fortschritte immer gefährdet seien, zurückgedreht zu werden. „Alle gesellschaftlichen Fortschritte sind gefährdet, also müssen wir sie verteidigen“. Sie fordert mehr Dialog und Toleranz, besonders an Universitäten: „Raum geben, um verschiedene Meinungen auszuhalten, anstatt dichtzumachen“.
Zum Nahost-Konflikt betont sie: „Man darf die Politik Israels nicht auf das Volk projizieren“. Sie kennt viele Israelis, die an der Politik ihres Staates verzweifeln, und ihr Herz blute angesichts der Situation in Gaza. Dennoch warnt sie vor Verhärtungen und plädiert für sachliche Diskussionen.
Filmische Vorbilder und Zukunftsperspektiven
Berben schwärmt von Regisseuren wie Stanley Kubrick, dessen „A Clockwork Orange“ zu ihren Lieblingsfilmen zählt. Heute schätzt sie Werke wie „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund, der gesellschaftliche Themen wie Eitelkeit und Materialismus clever porträtiert.
Abschließend betont Iris Berben: „Die Welt ist nicht ‚entweder oder‘“. Sie plädiert für mehr Empathie und die Fähigkeit, sich in andere Positionen hineinzuversetzen – eine Botschaft, die nicht nur in ihrem neuen Film, sondern auch im echten Leben relevant bleibt.



