Jarmuschs Venedig-Gewinner: Ein stiller Film über sprachlose Familien
Jarmuschs Venedig-Gewinner über sprachlose Familien

Blicke statt Worte: Jarmuschs lakonischer Familienfilm

Es gibt diese Momente in Familien, in denen alles gesagt scheint und doch nichts ausgesprochen wird. Man reicht das Salz, fragt nach dem Job, nickt höflich. Zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern passt oft kein Streit mehr, sondern nur noch eine respektvolle Stille. Genau in diese Risse schaut Jim Jarmusch in seinem neuen Film Father Mother Sister Brother, der nun in die deutschen Kinos kommt. Der US-amerikanische Kultregisseur entdeckt dort ein ganzes Universum aus Blicken, Pausen und verpassten Sätzen.

Ein stiller Film mit Starbesetzung

Jarmusch gewann mit diesem Werk beim Filmfest in Venedig den begehrten Goldenen Löwen. Zur Starbesetzung gehören Cate Blanchett, Adam Driver, Tom Waits, Charlotte Rampling und Vicky Krieps. In drei Episoden blickt der 73-jährige Regisseur auf verschiedene Familiendynamiken. Entstanden ist ein stiller Film, der mit seiner Tragikomik berührt und viele Zuschauer an eigene Familienerlebnisse erinnern dürfte.

Drei Familien, drei Geschichten

Der erste Teil spielt in New Jersey. Tom Waits, Adam Driver und Mayim Bialik stehen im Mittelpunkt. Das Setting ist das auf den ersten Blick verlottert wirkende Haus eines eigenbrötlerischen Vaters. Seine erwachsenen Kinder besuchen ihn, und schnell wird klar, dass solche Treffen selten stattfinden. Verstockt sitzen sie am Couchtisch und bemühen sich um Smalltalk über Gesundheit und Arbeit. Immer wieder stoßen sie mit Wasser und Tee an: Auf die Familie! Der Vater erkundigt sich nach der Partnerin seines Sohnes, ahnungslos, dass die beiden längst getrennt sind.

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Doch dann blitzt etwas an seinem Handgelenk auf: eine Rolex. Gefälscht, behauptet er. Erst als die Kinder gehen, wird klar: Die Uhr ist echt und der Vater alles andere als arm. Über seine Designermöbel hatte er alte Decken gelegt, seinen BMW unter einer Plane versteckt. Unbekümmert setzt er sich hinter das Steuer, um das Geld, das ihm sein Sohn gerade zugesteckt hat, auf den Kopf zu hauen.

Dublin und Paris: Weitere Familiengeschichten

Der zweite Teil spielt in Dublin. Cate Blanchett und Vicky Krieps spielen die Töchter einer strengen Mutter, gespielt von Charlotte Rampling. Der jährliche Afternoon Tea steht an, elegant gedeckt, geschmackvoll eingerichtet, aber voller Spannung. Die Mutter ist eine erfolgreiche Schriftstellerin, ihre Kälte steht im Kontrast zu den Töchtern. Die eine Tochter wirkt chronisch pleite und sympathisch verpeilt, die andere etwas verstockt, als hätte sie ihr Leben lang zurückstecken müssen. Wieder kommt kein rechtes Gespräch zustande.

Die dritte Episode erzählt von zwei Geschwistern, gespielt von Indya Moore und Luka Sabbat, die kürzlich ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz verloren haben. In Paris treffen sie sich in der leer geräumten elterlichen Wohnung. Sie durchstöbern Erinnerungsstücke und merken, dass sie ihre Eltern vielleicht gar nicht so gut kannten, wie sie dachten.

Lakonische Ästhetik und Festivalerfolg

Father Mother Sister Brother ist ein lakonischer Film, der Gefühle andeutet, aber nie ausspricht. Statt eines spannenden Plots setzt er auf Situationskomik. Formal ist er bis ins Detail durchdacht, mit wiederkehrenden Motiven und Sätzen. Für diese Ästhetik wird Jarmusch schon lange verehrt. Nicht nur Festivalgänger, auch Stars wie Blanchett und Bialik bezeichneten sich in Venedig als Fans.

Als der Filmemacher zur Pressekonferenz kam, brachen Journalisten und andere Gäste in regelrechten Jubel aus. Mehrere Menschen, auch aus dem Filmteam, nannten Jarmuschs Kultfilm Night on Earth als einen ihrer Lieblingsfilme. Vermutlich war die Auszeichnung in Venedig auch als Ehrung für sein Gesamtwerk zu verstehen. Denn ganz so stark wie etwa Night on Earth ist Father Mother Sister Brother trotz vieler gelungener Szenen nicht. Mitunter ist der Film so unaufgeregt, dass er ins Langatmige kippt.

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