Berlinale im Fokus: Kanzler Merz drängt auf schnelle und respektvolle Klärung
Die Zukunft des renommierten Berliner Filmfestivals Berlinale und seiner Chefin Tricia Tuttle beschäftigt die deutsche Politik auf höchster Ebene. Bundeskanzler Friedrich Merz von der CDU hat sich nun deutlich zu der anhaltenden Kontroverse geäußert und fordert eine rasche sowie respektvolle Klärung der offenen Fragen.
Regierungssprecher: Debatte ist überhitzt und schräg
Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille betonte in Berlin, dass der Kanzler die öffentlichen Äußerungen in dieser Debatte sehr genau verfolge. „Der Bundeskanzler erwartet von den Parteien einen respektvollen Umgang miteinander und eine schnelle Klärung der Sachverhalte“, erklärte Hille. Er fügte kritisch hinzu, dass die Diskussion etwas überhitzt und schräg verlaufe.
Hille machte deutlich, dass es in der Sache nicht um Eingriffe in die Kunstfreiheit gehe, sondern um die grundsätzliche Frage, was auf der Bühne der Berlinale stattfinden dürfe. „Es kann wenig Zweifel daran geben, dass Aussagen, die der Bundesregierung eine Beteiligung an einem Völkermord unterstellen und auch noch Drohungen beinhalten, nicht an einem solchen Ort stattfinden sollen“, so der Regierungssprecher.
Hintergrund: Kontroverse um Bühnenäußerungen
Auslöser der aktuellen Debatte waren Äußerungen des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib während der Abschlussgala der Berlinale. Alkhatib hatte der Bundesregierung vorgeworfen, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein. Diese Aussagen führten zu unmittelbaren Reaktionen:
- Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel
- Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) verurteilte die Äußerungen
- Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) schloss sich der Kritik an
Die Bundesregierung weist den Völkermord-Vorwurf entschieden zurück, ebenso wie die israelische Regierung.
Festivalchefin Tuttle beim Kanzler im Kanzleramt
Nach einer Aufsichtsratssitzung am Donnerstag werden die Gespräche in den kommenden Tagen weitergeführt. Die Berlinale-Jury und Festivalchefin Tricia Tuttle waren vergangene Woche bereits beim Kanzler im Kanzleramt zu Gast und hatten „ihren Blick auf die Kontroverse überzeugend dargelegt“, wie der Regierungssprecher mitteilte.
Hille hob hervor, dass Tuttle zum Ende der Berlinale in einer vernünftigen Rede den richtigen Ton getroffen und sich zur Vereinnahmung der Kunst durch die Politik geäußert habe. Auf die Frage, ob dies bedeute, dass Merz gegen eine vorzeitige Abberufung Tuttles sei, antwortete der Sprecher ausweichend: „Ich will nicht über das spekulieren, was sich aus den Gesprächen ergeben könnte.“
Breiter Protest aus der Kulturbranche
Nachdem Kulturstaatsminister Weimer eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung zur Berlinale einberufen hatte, formierte sich in der Kulturbranche breiter Protest. Mehrere Filmschaffende kritisierten in einem offenen Brief, dass es auch „um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit“ gehe.
Die Deutsche Filmakademie warnte vor politischer Einflussnahme, während der frühere Festivalchef Dieter Kosslick sich deutlich hinter Tuttle stellte. „Das ist ja gespenstisch, was hier abläuft“, sagte Kosslick dem Bayerischen Rundfunk. Er verwies darauf, dass gerade ein Film mit dem Titel „Gelbe Briefe“ den Goldenen Bären gewonnen habe, in dem es darum gehe, dass Künstlern von der Regierung das Wort verboten werde.
Kosslick warnt vor langfristigen Schäden
Der ehemalige Festivalleiter betonte, dass die Berlinale seit 1951 ein Festival der Meinungsfreiheit sei. Auf die Frage, ob es schwieriger geworden sei, ein Festival zu leiten, antwortete Kosslick: „An Festivalleitungen hat es schon immer starke Kritik gegeben, auch an mir. Aber meistens geht es darum, ob die richtigen Filme gezeigt werden.“
Kosslick warnte eindringlich vor den Folgen der aktuellen Debatte, weil sich Filmschaffende nun fragen würden, ob sie noch zur Berlinale kommen wollten. „Egal, was da am Ende bleibt: Die Berlinale ist beschädigt“, so sein pessimistisches Fazit.
Die „Bild“-Zeitung hatte zuvor berichtet, dass Tuttle abberufen werden solle, wobei der Umgang mit dem Nahostkonflikt als Hintergrund genannt wurde. Die kommenden Tage werden zeigen, wie sich die Situation um eines der großen internationalen Filmfestivals weiterentwickelt und ob die von Kanzler Merz geforderte respektvolle Klärung tatsächlich gelingt.



