Sandra Hüller brilliert als verkleidete Frau in „Rose“
Sandra Hüller in „Rose“: Eine Frau als Mann

Berlin – Die Wange und der Mundwinkel sind tief vernarbt, der Blick fast grimmig, der Gang breit. Als ein Soldat nach dem Dreißigjährigen Krieg in einem abgelegenen Dorf auftaucht, ahnt die Gemeinschaft nicht, wer er in Wirklichkeit ist: eine Frau, die sich als Mann ausgibt, um zu überleben. Davon erzählt das Drama „Rose“ mit Sandra Hüller in der Hauptrolle.

Hüller beeindruckt in der Titelrolle

Hüller spielt die wortkarge, stets disziplinierte Protagonistin. Für ihre Darstellung erhielt sie bei der Berlinale einen Silbernen Bären. Der Film von Markus Schleinzer lief im Wettbewerb und zeigt eindringlich die Stigmatisierung und Unterdrückung von Menschen, die von Normen abweichen – ein Thema, das bis heute aktuell ist.

Handlung im 17. Jahrhundert

Die Geschichte spielt im 17. Jahrhundert und wird in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt, begleitet von einer weiblichen Erzählstimme aus dem Off (Marisa Growaldt). Rose kehrt aus dem Krieg zurück, die Landschaft ist karg, Skelette liegen in der Erde. Sie nutzt die Identität eines gefallenen Soldaten, um einen Hof in einem kleinen Dorf zu übernehmen.

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Rose gibt sich als Mann aus, weil sie darin die einzige Chance auf ein freies, selbstbestimmtes Leben sieht. Die Hose wird zum Symbol der Freiheit. Im Dorf gilt sie als „Sonderling“ und wird erst akzeptiert, als sie einen Bären erlegt und die Felder bestellt. Sie heiratet sogar die ahnungslose Bauerntochter Suzanna (Caro Braun). Mit der Zeit wird deutlich, dass auch Suzanna ein Geheimnis verbirgt, das beide Frauen verbindet.

Gemeinsam versuchen sie, ihre Tarnung aufrechtzuerhalten, um hinter dem Deckmantel der Ehe frei zu leben. Doch die Dorfgemeinschaft wird misstrauisch, und die Handlung spitzt sich zu. Das Leben der beiden Frauen hat wenig Aussicht auf ein glückliches Ende.

Historische Inspiration und Details

Regisseur Schleinzer ließ sich für das Drama historisch inspirieren. Mit seinem Co-Autor recherchierte er rund 300 Frauenschicksale aus drei Jahrhunderten. Die Gründe für Frauen, Männerkleidung zu tragen, waren vielfältig – etwa um einer Zwangsverheiratung zu entgehen. Schleinzer betonte, dass die Entscheidung für „dieses Stückchen Stoff, dieses Symbol“ bereits das Ziel eines autonomen Lebens bedeutete.

Für ihre Rolle als Mann trug Hüller einen künstlichen Penis aus Horn und einen eingeschnürten Oberkörper. Im Interview mit der „Zeit“ sagte sie: „Mir hat ständig was zwischen den Beinen gebaumelt. Das war wichtig, denn es ist schon interessant, was das mit einer Körperhaltung macht. Jetzt verstehe ich, warum Männer so gehen, wie sie gehen.“

Selbstermächtigung im Patriarchat

„Rose“ thematisiert Selbstermächtigung in einer patriarchalen Gesellschaft. Die männliche Identität wird für die Protagonistin zur Voraussetzung, um gesellschaftlichen Zwängen zu entkommen. Hüller, die 2024 für „Anatomie eines Falls“ als beste Hauptdarstellerin für einen Oscar nominiert war, brilliert mit einer sensiblen Charakterdarstellung.

Die 47-jährige Schauspielerin berichtete der Deutschen Presse-Agentur von körperlichen Veränderungen durch Kampf- und Krafttraining. Doch schwerer als die körperliche Verwandlung sei es gewesen, die Lüge und Spannung aufrechtzuerhalten: „Wer kommt von wo? Wer sieht was von mir? Was kann ich zeigen? Was nicht? Wo bin ich wirklich alleine?“

Utopie und Gegenwartsbezug

Hüller sieht in „Rose“ eine Utopie. „Ich weiß, dass diese Utopie für viele Menschen, die in Gesellschaftsgruppen leben, denen es aktuell nicht leicht gemacht wird dazuzugehören, extrem wichtig ist. Dass es unglaublich schmerzhaft ist, wenn sie zerstört wird. Das darf man einfach nicht zulassen.“ Man könne Menschen nicht dafür bestrafen, dass sie versuchen, frei zu sein, führte sie aus.

„Das hat dann mit der Arbeit jeder einzelnen Person innerhalb dieser Gesellschaft zu tun und mit dem Befragen von sich selbst, an welchen Stellen man denn mit wem solidarisch ist und mit wem nicht. Wann man vielleicht still ist, wann man eigentlich was sagen müsste.“ Sie verstehe den Film auch als Entwurf, empathisch und menschlich zu sein. „Rose“ bleibt erstaunlich gegenwärtig, weil er zeigt, dass die Frage nach Selbstbestimmung auch heute noch nicht abgeschlossen ist.

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