ESC-Debakel bei "Hart aber fair": Aiwangers Klamauk enttäuscht
ESC-Debakel bei "Hart aber fair": Aiwangers Klamauk

Hubert Aiwanger hat ein Klamauk-Problem. Louis Klamroth aber auch. Mindestens fünfmal ruft Aiwanger das Wort Klamauk in die Diskussion. Eventuell auch noch häufiger, aber das lässt sich nicht genau bestimmen, da große Teile der Sendung in tumultartigem Chaos versinken. Der Vorsitzende der Freien Wähler in Bayern und im Bund ist zu „Hart aber fair“ gekommen, um sich über die „Sängerin mit Bart“ zu echauffieren, die 2014 den Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hat. Gemeint ist Conchita Wurst. Die „Normalbürger“ würden das nicht verstehen, so Aiwanger. Statt um musikalische Qualität ginge es nur darum, sich schrill aufzuführen und die angeblich richtige Haltung zu haben. Der Liederwettbewerb ist Aiwanger zu queer.

Nichts gegen ein kleines boulevardeskes Kulturkämpfchen zu später Stunde, bei dem sich Vertreter verschiedener politischer Lager aneinander reiben, um sich auf unterhaltsame Weise zu positionieren. Aber Aiwanger setzt – weitgehend ungebremst vom Moderator – in seinen Ausführungen so sehr auf den Klamauk, den er eigentlich beim ESC zu kritisieren vorgibt, dass die ganze Sendung in eben diesem versinkt.

Wadde hadde dudde da, Hubert?

Man ahnt schon, wo sich Aiwanger kritikmäßig an diesem Abend hinschunkeln will, aber die Auslassungen des niederbayerischen Populisten bleiben selbst für seine Verhältnisse dermaßen inkonsistent, dass ihm der von ihm so umgarnte „Normalbürger“ wohl nur schwer folgen kann. Einmal beschwert er sich in der Diskussion, dass der ESC inzwischen so weit politisiert sei, dass die besten Siegchancen hätte, wer im „Military-Look“ auftreten und gegen Putin singen würde. Ein anderes Mal zitiert er Guildo Horn und lärmt bezugslos in die Runde: „Wir haben uns alle lieb.“

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Der ESC feiert dieses Jahr Jubiläum. Vor 70 Jahren fand er zum ersten Mal in Lugano statt, damals unter dem Namen Gran Premio Eurovisione Della Canzone. Es sollten sich Nationen ihre Lieder vorsingen, die noch elf Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg gegeneinander gekämpft hatten.

Der ESC ist politisch bis zur Selbstzerfleischung

Dieses Jahr steht die Veranstaltung vor ihrer bislang größten Zerreißprobe: Spanien, Irland, Niederlande, Slowenien und Island boykottieren den ESC. Aber nicht wegen der Regenbogenflaggen oder den Männern in Kleidern, die Aiwanger kritisiert, sondern aus knallharten staatspolitischen Gründen. Die Rundfunkanstalten der fünf Länder haben sich entschlossen, nicht dabei zu sein, weil auch Israel antritt, dessen Regierung sie die Kriegsführung in Gaza vorwerfen. „Wie politisch ist der ESC?“ war die „Hart aber fair“-Ausgabe betitelt, die wegen einer zuvor gelaufenen langen Dokumentation über den Wettbewerb später als sonst lief. Eine rein rhetorische Frage, denn angesichts der bei der Israelfrage eskalierten Diskussion muss man feststellen: Der ESC ist politisch bis zur Selbstzerfleischung. Weshalb es umso enttäuschender ist, dass der ARD-Talk ömmelig bis zur Selbstaufgabe daherkommt.

Alle müssen auf Aiwangers Quatschkaskaden reagieren

Die erste Hälfte der Sendung vergeht dadurch, dass die anderen Diskussionsteilnehmer versuchen, bei Aiwangers Quatschkaskaden gegenzuhalten. Die Journalistin Maria Popov kontert den Politiker so: „Sie wollen darauf hinaus, dass Queerness Klaumauk ist.“ Das sei eine bewusste Herabsetzung. Dabei seien queere Rechte europäisches Recht, das beim ESC eben auf die Bühne gebracht werde. Ronen Steinke, ebenfalls Journalist, betont den Völkerverständigungscharakter der Veranstaltung: „Wir haben keine Foren, wo wir uns so begegnen können. Der ESC ist ein Lagerfeuer, wo sich Europa trifft.“ Aber die weihevollen Worte nutzt Aiwanger nur, um die nächste Zote zu zünden: „Traurig wäre, wenn hier nicht jeder auftreten und sich blamieren dürfte.“

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