„Allegro Pastell“ im Kino: Millennial-Romanverfilmung trifft emotional distanzierten Zeitgeist
Zwischen lässigem Stil und emotionaler Distanz entfaltet sich die cool-verlorene Stimmung in der Verfilmung von Leif Randts Roman „Allegro Pastell“. Der Film trifft einen Zeitgeist, der sich kaum greifen lässt und porträtiert die Ästhetik einer Generation zwischen digitaler Kommunikation und realer Entfremdung.
Ein Roman als Dokument einer vergangenen Zeit
Als Leif Randt im März 2020 „Allegro Pastell“ veröffentlichte, galt der Roman schnell als Dokument einer Zeit, in der das Wort Corona-Pandemie noch keine Bedeutung hatte. Quasi ein Text über den letzten richtigen Sommer vor der globalen Krise. Die „Zeit“ sprach damals von einem „der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur seit Christian Krachts 'Faserland'“. An diesem Donnerstag, dem 16. April 2026, kommt die lang erwartete Verfilmung in die deutschen Kinos.
Die Geschichte von Jerome und Tanja
„Allegro Pastell“ erzählt die Geschichte des sehr schicken Mittdreißiger-Paares Jerome und Tanja, passend abgeklärt gespielt von Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner. Sie ist Autorin im Berliner Stadtteil Neukölln, er arbeitet als Webdesigner in der Nähe von Frankfurt. Arbeiten sieht man beide jedoch kaum – der Fokus liegt auf ihrer Beziehungsdynamik.
Im ultraheißen Sommer 2018 führen sie eine zumeist digitale, eher lose Fernbeziehung, die sich hauptsächlich über Messages entfaltet. Diese wird nur unterbrochen von gelegentlichen gegenseitigen Besuchen, die mehr der Ästhetik als der emotionalen Tiefe dienen.
Ästhetik der Millennial-Generation
Zwischen den beiden scheint zunächst alles perfekt: die Dates, der Style, der Sex. Sie besuchen Partys in hippen Wohnungen oder verbringen Abende im gleißenden Licht der Neuköllner Hasenheide. Alles ist der spezifischen Ästhetik der Millennial-Generation unterworfen, die zwischen Nostalgie und moderner Oberflächlichkeit oszilliert.
Im Stil eines 90er-Jahre-Osteuropa-Films schwenkt die Kamera regelmäßig über Häuserfronten und urbane Landschaften. Aus den Boxen tönt mal Mo-Dos „Eins, zwei, Polizei“, mal Robyns „With Every Heartbeat“ – eine sorgfältig kuratierte Soundkulisse, die die emotionale Distanz noch verstärkt.
Emotionale Distanz und therapeutische Sprechblasen
Betroffen wird in quasi-therapeutischen Sprechblasen über die eigenen Gefühle geredet, während die tatsächliche Welt da draußen kaum Beachtung findet. Die Charaktere reflektieren mehr über sich selbst, als dass sie echte Verbindungen eingehen. Irgendwann schläft Tanja mit dem Schwarm ihrer besten Freundin – eine Handlung, die weniger aus Leidenschaft als aus einer Art experimenteller Neugier entspringt. Nach der Affäre ist sie, wie im Roman beschrieben, „fasziniert vom eigenen Kontrollverlust“.
Schauspielerische Leistungen
Faligant und Niewöhner spielen ihre desinteressierten Charaktere fein gelangweilt und mit subtiler Präzision. Gekonnt schauen sie in den direkten Dialogen aneinander vorbei, als ob sie durch eine unsichtbare Barriere getrennt wären. Faligant verkörpert mit ihrem zarten französischen Akzent eine notwendige Entrücktheit, die perfekt zur Figur passt.
Ob zwischen Jerome und Tanja wirklich Zuneigung herrscht, muss gar nicht unbedingt klar werden – es spielt letztlich keine Rolle in dieser Welt der ästhetisierten Oberflächen.
Stilmittel und filmische Umsetzung
Im Buch denken die Figuren häufig über sich selbst nach und erklären sich in regelmäßigen Mails ihre Beziehung – und deren mögliches Ende. Um diese für den Roman elementaren Messages in Bilder umzusetzen, greifen Regisseurin Anna Roller und Autor Leif Randt, der auch das Drehbuch schrieb, häufig zur Stimme aus dem Off. Dieses etwas altbackene Stilmittel ist vielleicht das Banalste am ansonsten visuell anspruchsvollen Film.
Zeitgeist einer Generation
Bei der Premiere auf der Berlinale sagte der 42 Jahre alte Randt: „Der Film hat mich irgendwie berührt.“ Vielleicht liegt es daran, dass „Allegro Pastell“ mit seiner emotionalen Distanz den Zeitgeist einer gerade noch vorhandenen Jugendlichkeit überaus ästhetisch transportiert. Der Film fängt jenen Moment ein, in dem eine Generation zwischen digitaler Verbundenheit und realer Entfremdung navigiert – ein Zustand, der heute, sechs Jahre nach Erscheinen des Romans, noch immer relevant erscheint.



