TV-Tipp: Ayse Polats preisgekrönter Film 'Im toten Winkel' zeigt Trauma kurdischer Mütter
Der mehrfach ausgezeichnete Film „Im toten Winkel“ der deutsch-kurdischen Regisseurin Ayse Polat ist jetzt im Fernsehen zu sehen. Das Werk, das unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis 2024 geehrt wurde, wird in der ARD-Mediathek angeboten und hat seine lineare Ausstrahlung im Ersten am Sonntagabend, dem 15. März, um 23.35 Uhr.
Eine dunkle Episode der türkischen Geschichte
Der Film nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise in die 90er Jahre im kurdisch geprägten Osten der Türkei. Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Familien, deren Angehörige in Polizeihaft verschwanden – mutmaßlich entführt, gefoltert und ermordet von der informellen Geheimdienstorganisation Jitem. Polat beleuchtet diese wenig beachtete Episode aus mehreren Perspektiven und vermischt dabei Opfer- und Täterrollen, während der allgegenwärtige türkische Staat als überwachende Instanz im Hintergrund schwebt.
Inspiration durch die Samstagsmütter
Ayse Polat, 1970 in Malatya geboren und eine bedeutende Vertreterin des deutsch-türkischen Kinos, ließ sich für ihren Film von den sogenannten Samstagsmüttern inspirieren. Diese kurdischen Frauen protestieren seit den 90er Jahren jeden Samstag auf der Istanbuler Istiklal-Straße mit Fotos ihrer verschollenen Söhne. Ein Aufenthalt in Istanbul 2015 berührte Polat tief und wurde zum Auslöser für das Drehbuch. „Natürlich wissen die Mütter mittlerweile, dass ihre Kinder schon lange tot sind. Doch sie wollen wissen, wo deren sterbliche Überreste liegen“, erklärt die Regisseurin.
Systematische Gewalt und ihre Folgen
Polat betont, dass es ihr nicht nur um die Opferperspektive ging: „Ich wollte auch auf die Täter schauen, um das System zu verstehen, das eine solche Gewalt möglich macht. Es ging darum, zu ergründen, wie Gewalt in Menschen eindringt, sich festsetzt und sich wiederholt – somit über Generationen weitergegeben wird.“ Dieser Ansatz macht den Film zu einer tiefgründigen Untersuchung struktureller Gewalt in autokratischen Systemen.
Risikoreiche Dreharbeiten und anhaltende Spannungen
Die Produktion war mit erheblichen Risiken verbunden, insbesondere bei den Dreharbeiten im nordöstlichen Kars. Die Anspannung setzte sich für die türkischen und kurdischen Schauspielenden fort, obwohl der Film in der Türkei gezeigt wurde. Polat kommentiert: „Dennoch bleibt ein Rest Misstrauen. In autokratischen Systemen ist Willkür strukturell angelegt und verschwindet nicht mit Applaus.“
Ein packender Film mit krimiartiger Spannung
Trotz des schweren Themas entwickelt sich „Im toten Winkel“ zu einem fesselnden Erlebnis, das fast wie ein Krimi erzählt ist. Die bis ins Detail durchdachten Szenen bieten nicht nur Unterhaltung, sondern vermitteln tiefe Einblicke in die Traumata der Menschen in den Kurdengebieten. Der Film legt Schicksale offen, die lange im toten Winkel der türkischen Geschichte verborgen blieben, und regt zum Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart an.



