Berlinale 2024: Die neue Körpersprache des roten Teppichs
Bei der diesjährigen Berlinale zeigt sich ein bemerkenswerter Trend: Während sich Schauspielerinnen traditionell freizügig präsentieren, eifern ihnen nun zunehmend männliche Kollegen nach. Die Grenzen zwischen Verletzlichkeit und Stärke, zwischen Privatem und Öffentlichem verschwimmen auf den Berlinale-Partys in beispielloser Weise.
Lars Eidinger: Der Pionier der männlichen Freizügigkeit
Als ich Lars Eidinger auf der Berlinale sehe, muss ich unwillkürlich an mein sorgfältig gebügeltes Hemd denken. Der Schauspieler hat sich für einen radikal anderen Stil entschieden: Ein Sakko, das er einfach über seine nackte Haut streift, dazu eine pinke Blume am Revers. „Ich laufe so herum, weil ich die Kunst feiern will“, erklärt Eidinger mit seinem charakteristischen schelmischen Lächeln.
Immerhin bedeckt der Schauspieler seinen Penis – was in seinen Filmrollen bekanntlich selten der Fall ist. Doch die rechte Brustwarze bleibt oft sichtbar, nur gelegentlich vom hin- und herrutschenden Jackett verdeckt. „Ich würde mich auch so anziehen, wenn ich einkaufen gehe“, bemerkt Eidinger beiläufig. Dieses „würde“ irritiert mich. Es suggeriert eine bewusste Inszenierung: Ich zeige mich angreifbar, aber gerade dadurch auch stark.
Die Tradition der weiblichen Freizügigkeit
Die Frage stellt sich: Wie viel Würde liegt eigentlich in der traditionellen Praxis, dass Schauspielerinnen auf Berlinale-Partys fast immer fast nichts anhaben? Die „Opening Night“ im Luxushotel Stue entwickelt sich regelmäßig zu einem Defilee an Dekolletees. Nahezu alle deutschen Tatort-Ermittlerinnen zeigen sich hier von ihrer persönlichsten Seite.
Die Atmosphäre ist diesmal jedoch anders: Der legendäre Champagnerbrunnen der vergangenen Jahre wurde durch eine Badewanne mit Eiswürfeln ersetzt. Eine Frau im Glitzerkleid, die ich jahrelang nicht gesehen habe, umarmt mich plötzlich innig: „Ich hab dich vermisst.“ In diesem Moment bin ich froh über mein konventionelles Hemd.
Lea von Acken: Verletzlichkeit als Stärke
Schauspielerin Lea von Acken bringt die neue Berlinale-Philosophie auf den Punkt. Im Berlinale-Palast erzählt mir die 26-Jährige: „Ich bin verletzlich, weil ich so viel Haut offenlege. Ich zeige mich angreifbar, aber auch stark, weil ich es tue.“
Von Acken ist mit einer kunstvoll zerrissenen Ganzkörperstrumpfhose über den roten Teppich gelaufen – ein Outfit, das aus alten Vintage-Klamotten zusammengenäht wurde. „Viele Menschen sollten freizügiger mit ihren Gefühlen umgehen“, findet die Schauspielerin, deren neues Drama „Wovon sollen wir träumen“ über kurdische Flüchtlinge nächste Woche in die Kinos kommt. Mit ihrem Auftritt wolle sie Hoffnung säen – eine Botschaft, die alle sehen sollen.
Neue Berlinale-Kategorien: „Furchtlose Frauen“
Die Berlinale hat ihr Programm in diesem Jahr nach neuen Kategorien geordnet. Eine davon heißt bezeichnenderweise „Furchtlose Frauen“. Ich habe mir sofort eine Karte für den Film „Truly Naked“ besorgt – ein Titel, der programmatisch für die gesamte Festivalstimmung zu stehen scheint.
Die traditionellen Geschlechterrollen auf dem roten Teppich werden neu verhandelt. Was früher als weibliche Domäne galt – die freizügige Selbstpräsentation – wird nun von männlichen Schauspielern adaptiert. Die Berlinale zeigt Brust im Februar, und das ganz bewusst. Es geht nicht mehr nur um Ästhetik, sondern um eine neue Form der körperlichen Authentizität.
Die Frage bleibt: Handelt es sich hier um eine temporäre Modeerscheinung oder um einen nachhaltigen kulturellen Wandel? Die Antwort wird sich vielleicht schon bei der nächsten Berlinale zeigen, wenn noch mehr Männer ihre Hemden zu Hause lassen und stattdessen ihre nackte Haut als Statement der Selbstermächtigung präsentieren.



