Fast vergessen: DDR-Stars prägen Defa-Film 'Die Schlüssel'
Der Defa-Film „Die Schlüssel“ aus den frühen 1970er-Jahren ist heute nur noch Insidern bekannt. Ein Hauptgrund dafür: Er wurde nie im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Die DEFA-Stiftung hat das Werk nun zum Defa-Film des Monats gekürt, passend zum 85. Geburtstag der Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann am 3. März.
Zensur in zwei Ostblock-Staaten
Regisseur Egon Günther, bekannt für seine Konflikte mit der SED-Kulturpolitik, geriet mit „Die Schlüssel“ in die Mühlen der Zensur zweier Ostblock-Staaten. Nicht nur ostdeutsche Prüfer, sondern auch polnische Kulturpolitiker nahmen den Film unter die Lupe, wie Filmwissenschaftler Philipp Zengel von der DEFA-Stiftung recherchierte. Die Dreharbeiten fanden von April bis Juli 1972 vornehmlich in Krakau und Stettin statt.
Historischer Kontext: Deutsch-polnische Beziehungen
Die Entstehung des Films muss im historischen Kontext betrachtet werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten lange Misstrauen und Feindschaft zwischen Polen und Deutschen. Propagandistische Klischees prägten die Wahrnehmung, wie der polnische Filmwissenschaftler Andrzej Gwóźdź erklärt. Erst Machtwechsel in Polen und der DDR Anfang der 1970er-Jahre ermöglichten eine Annäherung und visafreien Grenzverkehr.
Plot und Regiestil
Im Film spielen Jutta Hoffmann als Ric und Jaecki Schwarz als Klaus ein frisch verliebtes Paar, das den DDR-Alltag gegen das „freiere Polen“ eintauschen will. Das Drehbuch stammt von Helga Schütz, Günthers damaliger Lebensgefährtin. Günthers Regiestil war für die Zeit fast revolutionär: viel Raum für Improvisationen, reale Drehorte, dynamische Kamera und natürliches Licht. Gwóźdź bezeichnete ihn als Paradebeispiel einer „Neuen Welle“ in der DDR-Kinematographie.
Zensurschnitte und späte Premiere
Nach den Dreharbeiten dauerte es eineinhalb Jahre, bis „Die Schlüssel“ am 21. Februar 1974 in Berlin Premiere feierte. Polnische Kulturfunktionäre kritisierten die Rohfassung als „politisch und philosophisch falsch“. Daraufhin wurden Szenen stark beschnitten oder ganz entfernt, darunter Sequenzen mit dem polnischen Bischof Stefan Wyszyński, dem Rockstar Czesław Niemen und einer Gedenktafel für im Zweiten Weltkrieg ermordete Polen.
Schwierige Verbreitung und Kritik
Der Film hatte nach der Premiere weiterhin mit Hindernissen zu kämpfen. Es gab nur wenige Kopien, eine Exportsperre wurde verhängt, und Vorführungen im Ausland wurden gestoppt. Im DDR-Fernsehen lief er nie. Die Filmkritik in der DDR äußerte sich skeptisch, was Zengel auf eine Vermeidung inhaltlicher Themen wie das deutsch-polnische Verhältnis oder Gleichberechtigung zurückführt.
Monolog zur Gleichberechtigung
Ein Höhepunkt des Films ist ein grandioser Monolog von Jutta Hoffmann zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in der DDR, den sie in einer leeren Straßenbahn hält. Bei den Dreharbeiten kam es zu einer spontanen Improvisation mit einem polnischen Straßenbahnfahrer, aus der später ein kontroverser Satz entfernt wurde.
Karrieren der Stars
Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz standen zu dieser Zeit am Beginn großer Karrieren. Hoffmann hatte bereits in Filmen wie „Der Dritte“ mitgewirkt, Schwarz in „Ich war neunzehn“. Beide hatten vor „Die Schlüssel“ schon gemeinsam in „Weite Straßen – stille Liebe“ gespielt. Hoffmann erhielt 2017 den Deutschen Schauspielerpreis, während Schwarz später in Serien wie „Ein starkes Team“ bekannt wurde.
Verfügbarkeit heute
Aktuell ist der Film „Die Schlüssel“ in der DEFA-Filmwelt auf YouTube verfügbar. Die DEFA-Stiftung bietet zudem in Partnerschaften Zugang zu weiteren Defa-Klassikern, darunter Werke mit Hoffmann und Schwarz wie „Karla“, der erst 1990 nach Zensur Premiere feierte.



