Fast 100-jähriger Maler Wolfram Schubert: 'Malen ist mein Lebenselixier'
Fast 100-jähriger Maler: 'Malen ist mein Lebenselixier' (16.04.2026)

Fast 100-jähriger Maler Wolfram Schubert: 'Malen ist mein Lebenselixier'

In Gardelegen in Sachsen-Anhalt lebt ein außergewöhnlicher Künstler: Wolfram Schubert, der in wenigen Monaten seinen 100. Geburtstag feiert, steht täglich an der Staffelei. 'Malen ist mein Lebenselixier. Das brauche ich einfach', sagt der betagte Maler, für den das künstlerische Schaffen zur lebensnotwendigen Routine geworden ist.

Ein Leben für die Kunst

Wolfram Schubert blickt auf ein bewegtes Künstlerleben zurück. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft studierte er an der Kunsthochschule Berlin und begann 1959 seine freiberufliche Tätigkeit. 1960 zog er nach Neubrandenburg, wo er nicht nur als Maler wirkte, sondern auch als Vorsitzender des Bezirksverbandes der Bildenden Künstler wichtige kulturelle Einrichtungen mitbegründete.

Seine Werke aus DDR-Zeiten, darunter das monumentale Fresko 'Kampf und Sieg der Arbeiterklasse' für die SED-Bezirksleitung in Neubrandenburg, waren lange Zeit umstritten. Nach der Wende wurde das Wandbild überklebt, doch 2023 beschloss die Stadtvertretung, es dauerhaft sichtbar zu machen. 'Was soll denn falsch sein an der Idee von Marx, den vierten Stand, also das Proletariat, gesellschaftsfähig zu machen?', fragt Schubert noch heute.

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Der späte Umzug nach Gardelegen

Im Jahr 2020, mit 94 Jahren, wagte Schubert gemeinsam mit seiner Frau Ingeborg (89) einen bemerkenswerten Schritt: Das Ehepaar zog von Potzlow in der Uckermark nach Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Viele fragten sich damals, ob man 'so einen alten Baum noch verpflanzt'. Doch für die Schuberts schloss sich in Gardelegen ein Lebenskreis – hier hatte Wolfram Ende der 1940er-Jahre seine spätere Frau kennengelernt.

In der Kleinstadt mit knapp 22.000 Einwohnern mietete sich Schubert zwei große Geschäftsräume im Erdgeschoss nahe des Marktplatzes an. Dort herrscht produktive Unruhe: Bilder und Skizzen, Pinsel und Farbtuben, Fertiges und Angefangenes füllen den Raum. In meterlangen Schränken lagern Hunderte Aquarelle, Ölbilder und Grafiken.

Tägliche Routine im Atelier

Jeden Tag steht Wolfram Schubert spätestens ab 10 Uhr an der Staffelei. 'Ich habe mich morgens von meiner Frau mit einem Kuss verabschiedet und war bis abends im „Laden“ malen. So ist es heute auch wieder', erzählt er schmunzelnd und erinnert sich an seine Anfangszeit als Absolvent in Ostberlin.

Während ihm das flotte Gehen nicht mehr so leicht fällt, liegen ihm die Pinsel weiterhin ausgezeichnet in der Hand. Nur manchmal flucht er über sich selbst, wenn ihm Namen von Menschen nicht sofort einfallen, die vor 60 oder 70 Jahren seinen Weg kreuzten. 'Verdammt, ich werde alt!', sagt er dann – um eine halbe Stunde später den Namen doch parat zu haben.

Gardelegen als neue Inspiration

Die gut erhaltene Altstadt von Gardelegen hat Schubert als Kulisse für sein spätes Werk entdeckt. Auf der Staffelei stehen aktuell zwei neue Bilder, die enge Gassen mit alter Bebauung zeigen. Der Schnee auf dem Pflaster sorgt für Sauberkeit und betont die satten Farben, mit denen der Künstler die Stadt in kräftigen, freundlichen Ölfarben festhält.

Wer ihm über die Schulter schauen möchte, ist willkommen. Schubert nimmt sich gerne Zeit für einen Plausch und lässt Besucher an seinem Schaffensprozess teilhaben.

Schicksalsschläge und künstlerisches Vermächtnis

Zuletzt musste der fast Hundertjährige schwere Schicksalsschläge hinnehmen: Sein zehn Jahre jüngerer Bruder, der Fotokünstler Hans-Joachim Schubert, starb Ende 2025 nach längerer Krankheit. Gemeinsam mit seiner Schwägerin Anita Schubert, Textil- und Papierkünstlerin, wollte er eine Ausstellung mit Werken beider Brüder vorbereiten. Doch dann starb Anfang dieses Jahres plötzlich auch Anita.

Trotz dieser Verluste ist die Ausstellung 'Zwei Brüder' seit Kurzem in der Magdeburger Galerie 'Himmelreich' zu sehen. 'Was beide Künstler eint, ist das geschulte Auge und die sichere Hand', heißt es im Begleittext.

Würdigung zum 100. Geburtstag

Die Kunstsammlung Neubrandenburg plant für Juni anlässlich seines 100. Geburtstages eine Exposition in der Reihe 'Im Hier und im Jetzt'. Damit wird ein Künstler gewürdigt, der nicht nur ein beeindruckendes Lebenswerk geschaffen hat, sondern bis heute unermüdlich kreativ tätig ist.

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Wolfram Schubert könnte angesichts der postsozialistischen Renaissance seiner Werke triumphieren. Doch er genießt den Sieg im Stillen, vielleicht, weil er auch nach 1990 immer zu seinen Überzeugungen stand. 'Im Sinne des Kulturbunds, in dem ich auch Mitglied war, wollte ich nach dem verheerenden Weltkrieg zur demokratischen Erneuerung Deutschlands beitragen. Das war mein Credo, meine Überzeugung', resümiert der Künstler.

Und auf die Frage, ob er etwas bewirken konnte, antwortet Schubert nach kurzem Nachdenken: 'Ich denke ja: Das Interesse für Bildende Kunst war im Bezirk ein fester Bestandteil.' Mit fast 100 Jahren steht er weiterhin täglich an der Staffelei – weil Malen sein Lebenselixier ist.