Görliwood: Sächsische Filmakademie bildet Fachkräfte für Set-Berufe aus
Görliwood: Filmakademie bildet Set-Fachkräfte aus

Görliwood: Sächsische Filmakademie bildet Fachkräfte für Set-Berufe aus

Hollywood hat Görlitz bereits vor Jahren als beeindruckende Filmkulisse entdeckt. Bei künftigen Produktionen sollen Studios sich nun auch auf qualifiziertes deutsches Set-Personal verlassen können. Die Sächsische Filmakademie in Görlitz hat sich diesem Ziel verschrieben und bietet umfassende Weiterbildungen für Berufe am Filmset an.

Von Set-Runner bis Stunt-Koordinator: Vielfalt der Filmberufe

Filme sind komplexe Gesamtkunstwerke, deren Entstehung zahlreiche Spezialisten erfordert. Wer den Abspann aufmerksam verfolgt, erkennt die immense Bandbreite beteiligter Gewerke. Von Set-Runnern und Set-Decoratoren über Experten für Licht, Ton, Maske und Kostüm bis hin zu Visual-Effects-Spezialisten, Casting-Direktoren, Logistik-Profis, Stunt-Koordinatoren, Location-Scouts und der Grip-Abteilung – die Palette ist enorm. Die Grip-Crew kümmert sich speziell um die Pflege von Kamera- und Bewegungsausrüstung.

Genau auf diese Berufsfelder konzentriert sich die Arbeit der Sächsischen Filmakademie. Vor knapp vier Jahren startete die Institution, die sich der Aus- und Weiterbildung für Set-Berufe widmet. Seit 2024 operiert sie als GmbH, deren Gesellschafter der Verein Allianz Deutscher Produzenten – Film und Fernsehen, die Hochschule Zittau/Görlitz und die Görlitzer Wirtschaftsförderung sind.

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Görliwood: International bekannte Filmkulisse

Als „Görliwood“ hat sich die Stadt an der Neiße durch zahlreiche Hollywood-Produktionen international einen Namen gemacht. Hier entstanden Szenen für preisgekrönte Filme wie „The Grand Budapest Hotel“, „Inglourious Basterds“, „Der Vorleser“ und „The Monuments Men“. Für „In 80 Tagen um die Welt“ diente Görlitz sogar als Kulisse für Paris, Berlin und London gleichzeitig.

Kurse gegen Fachkräftemangel

„Wir reagieren auf einen dringenden Bedarf der Filmwirtschaft“, erklärt Akademie-Chefin Grit Wißkirchen. „Der Fachkräftemangel im filmischen Handwerk erfordert neue Weiterbildungsangebote.“ Die ehemalige Produzentin mit über 20 Jahren Branchenerfahrung berichtet: „Wir bieten jetzt im zweiten Jahr Kurse an und haben bereits viel auf die Beine gestellt.“ Die Resonanz sei ausgezeichnet.

Aktuell läuft eine Masterclass für Kamera- und Lichtassistenz. Noch im ersten Quartal 2026 folgen ein Workshop für KI-Tools in Requisite und Ausstattung sowie ein Kurs für das Kostümdepartement. „Für Set-Berufe existiert keine eigenständige Ausbildung“, stellt Wißkirchen klar. „In fünf bis zehn Jahren gehen etwa 40 Prozent der derzeit Beschäftigten in Rente.“

Zielgruppe: Quereinsteiger mit Berufserfahrung

Die Akademie richtet sich gezielt an Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder Studium, die sich neu orientieren möchten. „Durch gezielte Fortbildung kann man sich für die Arbeit am Filmset qualifizieren“, so Wißkirchen. „Wir bieten Grundlagenkurse, in denen Quereinsteiger neben fachspezifischen Themen auch Branchenkenntnisse und Set-Etikette lernen.“

Bisher haben sich Teilnehmer aus diversesten Berufen eingeschrieben – Zahntechnikerinnen, Friseurmeisterinnen, Kulturmanager und Absolventen verschiedenster Studiengänge. „Es geht quer durch den Gemüsegarten“, beschreibt Wißkirchen die bunte Mischung. Alle Kurse sind mit Praktika verbunden und bieten realistische Einblicke in die Set-Arbeit.

Praxisnahe Vermittlung durch Branchenprofis

Als Dozenten vermitteln erfahrene Fachleute aus der Filmbranche ihr Wissen äußerst praxisnah. Künftig sollen vier zertifizierte Kurse zum festen Angebot gehören, darunter einer für Produktionsassistenz. Die Zertifizierung soll ermöglichen, dass Arbeitsagenturen Bildungsgutscheine für diese Kurse ausstellen, sodass Interessenten die Kosten nicht selbst tragen müssen.

Set-Etikette und mentale Gesundheit

Wichtig ist Wißkirchen die Vermittlung von Set-Etikette: „Ein Film entsteht nur im Zusammenspiel vieler Akteure. Jeder muss verstehen, dass nicht die eigene Stimme, sondern Teamarbeit zählt.“ Die Arbeit erfordere, Filme mit gegebenem Budget und Zeitplan umzusetzen – eine herausfordernde Tätigkeit, die nicht mit Nine-to-five-Jobs vergleichbar sei.

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Daher behandeln die Kurse auch mentale Gesundheit und Arbeitsschutz. Besondere Sensibilität benötige etwa die Kostümabteilung, wo Mitarbeiter in intimen Momenten beim Umkleiden mit Schauspielern arbeiten. Für optimale Lernerfolge sollen Kurse nicht mehr als zwölf Teilnehmer umfassen.

Standortvorteil für Görlitz

Görlitz‘ Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) sieht in der Filmakademie einen klaren Standortvorteil: „Produktionen, die zu uns kommen, haben großen Bedarf an qualifiziertem Personal.“ Für Studios aus Los Angeles oder München wäre es vorteilhaft, auf einheimisches Set-Personal zurückgreifen zu können.

Um internationale Produktionen zusätzlich anzulocken, hat Görlitz ein Filmbüro gegründet. „Wer zu uns kommt, wird eng begleitet und hat alle Ansprechpartner an einem Tisch“, verspricht Ursu. Drehgenehmigungen sollen unbürokratisch erteilt werden, bei der Vermittlung regionaler Partner hilft man gerne.

Digitalisierung und KI verändern die Branche

Wißkirchen beschreibt eine Filmindustrie im Wandel: Zunehmende Digitalisierung verändert Arbeitsprozesse grundlegend. In der Produktionsvorbereitung kommen immer mehr KI-Tools zum Einsatz – etwa für Vor-Visualisierungen von Szenen, die Planung von Drehorten, Requisiten oder Kostümen. „Eine virtuelle Kostümprobe per KI wäre eine enorme Arbeitserleichterung“, meint Wißkirchen.

Gleichzeitig bleibt praktisches Handwerk unverzichtbar: „Noch muss man am Set Kabel tragen und Licht richtig einstellen.“ In der Postproduktion seien die Möglichkeiten digitaler Bearbeitung heute nahezu unbegrenzt.

Herausforderungen durch steigenden Kostendruck

Steigender Kostendruck zwingt alle Beteiligten zu Lernprozessen. „Vorbereitungszeiten werden gekürzt, Budgets sind knapper“, so Wißkirchen. „Auf diese Herausforderungen müssen wir unsere Kursteilnehmer vorbereiten und ihnen positive Bewältigungsstrategien vermitteln. Auch wir in der Filmakademie lernen täglich dazu.“