Botanik trifft Handwerk: Die neue Sehnsucht nach Naturkunst in Brandenburg
Neue Sehnsucht nach Naturkunst: Botanik trifft Handwerk

Botanik trifft Handwerk: Die neue Sehnsucht nach Naturkunst

Wenn Susan Krieger mit ihrem Hund Fritz durch die Uckermark spaziert, beginnt für die Textildesignerin eine tägliche Entdeckungsreise. Mit geschultem Blick sucht sie nach filigranen Gräserrispen, dreht Wilde Möhren im Gegenlicht und sammelt unscheinbare Pflanzen, die anderen oft entgehen. „Ein Sträußchen Wiesenblumen habe ich schon immer mit nach Hause genommen“, erzählt sie. Doch heute ist daraus weit mehr entstanden: ein Kunsthandwerk, das den Pflanzen aus Brandenburg ein zweites Leben schenkt und eine wachsende Bewegung naturverbundener Kunst repräsentiert.

Siebdruck mit echten Pflanzen: Eine alte Technik neu erzählt

Krieger ist Gründerin des Ateliers Blausieb und arbeitet mit einer besonderen Form des Siebdrucks. Statt digitaler Vorlagen oder Folien verwendet sie echte Pflanzen für ihre Drucke. „Ich habe beim Experimentieren mit Schülern gemerkt, dass das hervorragend funktioniert“, berichtet die ehemalige Lehrerin. Aus den feinen Strukturen von Wiesenkerbel, Leinkraut oder Sichelmöhre entstehen klare, poetische Muster, die nicht nur Stoffe verzieren, sondern ganze Landschaften erzählen.

Ihr Arbeitsprozess ist meditativ und präzise:

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  • Auswahl getrockneter Pflanzen aus ihrem umfangreichen Fundus
  • Vorbereitung der Siebe mit den natürlichen Materialien
  • „Fluten“ – das Auftragen der Farbe ohne Druck auf das Sieb
  • Dreimaliges Streichen mit der Rakel über die Schablone
  • Fixierung der Farbe durch Pressen bei 150 Grad Celsius

Die fertigen Produkte – vor allem Tischwäsche, Geschirrhandtücher aus Leinen und Kissen aus Samt – verkauft Krieger seit einem Jahr in der Gläsernen Manufaktur direkt neben der Verwaltung des Nationalparks Unteres Odertal. Nationalparkleiter Dirk Treichel bezeichnet die Zusammenarbeit als „Win-Win-Situation“, da die Produkte perfekt zum Schutzgedanken des Parks passen.

Linolschnitte im Wendland: Die Schönheit des Übersehenen

Eine ähnliche Philosophie verfolgt Johanna Jung, die im Wendland Linolschnitte herstellt. Ihre Motive findet sie in der unmittelbaren Umgebung ihres Zuhauses. „Es war für mich nie eine Frage, was ich abbilde. Die Natur interessiert mich brennend“, erklärt die Künstlerin. Besonders fasziniert sie Pflanzen, die viele Menschen achtlos übersehen oder als Unkraut betrachten: Giersch, Wildkräuter, unscheinbare Blüten.

Auch wilde Tiere wie Gänse bringt Jung auf ihre Leinwände. „Was mir oft widergespiegelt wird, ist, dass meine Videos und meine Kunst viele Menschen beruhigen“, so die gelernte Buchbinderin. Der aktuelle Gänsedruck strahle neben der Ruhe auch Freiheit aus – ein Gefühl, nach dem sich viele Menschen in hektischen Zeiten sehnen.

Verein Botanischer Kunst: Vom Nischendasein zum Trend

Die gebürtige Irin Audrey Reilly, die in Wedemark in Niedersachsen lebt, hat 2022 den Verein Botanischer Kunst gegründet. Innerhalb kurzer Zeit wuchs dieser von einer Handvoll auf 75 Mitglieder an. Reilly beobachtet einen deutlichen Wandel: „Als ich in den 1980er Jahren nach Deutschland kam, war Kunst vor allem abstrakt und konzeptionell. Realistische Kunst war verpönt. Erst in den 1990ern änderte sich das – und seit einigen Jahren wächst das Interesse rasant.“

Die Beschäftigung mit botanischer Kunst hat nach Reillys Erfahrung einen wichtigen Nebeneffekt: Sie hilft, der sogenannten Pflanzenblindheit entgegenzuwirken. Dieses Phänomen beschreibt, dass Menschen Pflanzen im Alltag kaum beachten, sie als bloßen Hintergrund wahrnehmen und ihre Bedeutung unterschätzen.

Naturkunst als Antwort auf unsichere Zeiten

Warum Naturmotive heute eine solche Anziehungskraft entwickeln, erklärt Reilly deutlich: „In dieser schrecklichen Welt, die wir jetzt haben, ist es sehr beruhigend, sich mit der Natur zu beschäftigen.“ Viele Teilnehmer ihrer Workshops suchten gezielt „ein paar Stunden Ruhe“ und einen Rückzugsraum vom stressigen Alltag.

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Gleichzeitig sieht die Künstlerin eine gesellschaftliche Dimension in dieser Entwicklung: Das wachsende Interesse an botanischer Kunst fördert das Bewusstsein für Umwelt und Biodiversität. Jede Pflanze, die in den Werken der Künstlerinnen vorkommt, erzählt eine Geschichte über ihren Lebensraum und ihre ökologische Bedeutung.

Saisonales Geschäft mit regionaler Verankerung

Für Susan Krieger ist das Geschäft mit der Naturkunst stark saisonal geprägt. „Ab Mai geht es wieder richtig los“, sagt sie mit Blick auf die Besucherströme in der Gläsernen Manufaktur. Die meisten Kunden sind Urlauber, die die Region erkunden wollen und dabei nach authentischen, regional verankerten Produkten suchen.

Neben dem Verkauf bietet Krieger auch Workshops an, in denen Interessierte die meditative Technik des Pflanzendrucks selbst erlernen können. Diese Kurse werden besonders gut angenommen, da sie nicht nur handwerkliche Fähigkeiten vermitteln, sondern auch eine bewusste Wahrnehmung der natürlichen Umgebung fördern.

Die neue Generation von Künstlerinnen, zu der Krieger, Jung und Reilly gehören, entdeckt die Natur nicht nur als Motiv, sondern als ganzheitliche Erfahrung. Ihre Werke verbinden handwerkliche Tradition mit zeitgenössischer Ästhetik und treffen damit den Nerv einer Gesellschaft, die in unsicheren Zeiten nach Authentizität, Ruhe und Verbindung zur natürlichen Welt sucht.