Politische Brettspiele: Von Gnomenparlament bis Secret Hitler - Politik am Küchentisch
Politische Brettspiele: Simulation von Wahlen und Machtspielen

Politische Brettspiele: Die Regierung am Esstisch

Wahlen, Intrigen, Machtkämpfe und Realpolitik - all das lässt sich nicht nur in Parlamenten und Regierungszentralen erleben, sondern auch am heimischen Küchentisch. Wir stellen neun herausragende Gesellschaftsspiele vor, die politische Prozesse und Mechanismen auf unterhaltsame Weise simulieren und dabei erstaunlich tiefe Einblicke in das Funktionieren von Demokratie, Macht und gesellschaftlichen Konflikten bieten.

Gnomenparlament: Ehre und Täuschung im Reich der Kleinen

Im Gnomenparlament herrscht keinerlei Politikverdrossenheit. Die kleinen Gesellen sind mit Begeisterung dabei, wenn es darum geht, Gesetze zu erlassen, zu ändern oder neu auf die Agenda zu setzen. Das Besondere: Dieses Parlament befasst sich ausschließlich mit sich selbst. Die Gnome streben danach, stets mit der Mehrheit zu stimmen, was in ihrer Welt als besonders ehrenhaft gilt.

Das Spiel lebt von munteren Interaktionen, bei denen geblufft, getäuscht, versprochen, gebrochen und sogar bestochen wird, um andere in die Irre zu leiten. Die Abstimmungen erfolgen geheim, Lobbystimmen können strategisch eingesetzt werden. Wenn der Präsident zu hoch gepokert hat, wird er kurzerhand abgesetzt. Am Ende gewinnt der Gnom mit den meisten Ehrenpunkten, doch der eigentliche Spaß liegt im ausgiebigen Diskutieren über jedes noch so absurde Gesetz.

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Das Verhandlungsspiel von Channing Jones eignet sich für vier bis acht Personen ab zehn Jahren und dauert etwa 45 Minuten.

Dindex: Demokratie versus Oligarchie

Bei Dindex, kurz für demokratischer Index, handelt es sich um ein überraschend kurzweiliges und tiefgründiges Kartenspiel. Je nach geheim zugeteilter Rolle sind die Spieler entweder Demokraten oder Oligarchen. Während die Demokraten die Demokratie bewahren wollen, versuchen die Oligarchen, Staat und Regierung ins Chaos zu stürzen.

Was zunächst nach trockener politischer Bildung klingt, entpuppt sich als mitreißendes Geschehen voller politischem Taktieren, Täuschung, überraschenden Koalitionen und nicht zuletzt Schadenfreude. Demokraten gieren nach Regierungspunkten und Ministerämtern, Oligarchen wollen den demokratischen Index drücken, um mächtigere Aktionskarten ausspielen zu können.

Das Spiel von Lars-Michael Stock ist für zwei bis sieben Personen ab zwölf Jahren konzipiert und dauert zwischen 30 Minuten und zwei Stunden.

Friedrich Ebert - Der Weg zur Demokratie: Historische Entscheidungen

In diesem kooperativen Spiel schlüpfen die Spieler in die Rolle von Reichspräsident Friedrich Ebert und seinen Beratern. Umgeben von dringenden Briefen müssen sie entscheiden, welche politischen Anliegen Priorität haben und wie die Spannungen im Volk verringert werden können.

Das Spiel führt in mehreren Kapiteln vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg bis zur Weimarer Republik und stellt reale historische Ereignisse in einen spielerischen Kontext. Historiker haben an der Entwicklung mitgearbeitet, was dem Spiel trotz leichter Zugänglichkeit eine erstaunliche thematische Tiefe verleiht.

Erschienen im Verlag Ostia Spiele für etwa 30 Euro, basierend auf einem preisgekrönten Solo-Computerspiel.

Secret Hitler: Faschismus als Partyspiel

Secret Hitler hat sich seit seinem Erscheinen zu einem festen Bestandteil der Popkultur entwickelt. Bei diesem Social-Deduction-Spiel müssen die Liberalen entweder Hitler eliminieren oder fünf Gesetze durchbringen, um zu gewinnen. Die Faschisten kennen sich untereinander, während die Liberalen im Ungewissen über die Identitäten ihrer Mitspieler bleiben.

Das Spiel lehrt mit sehr einfachen Mitteln, wie Faschismus funktioniert, und hat immer wieder Debatten darüber ausgelöst, ob es moralisch vertretbar ist, aus der Nazi-Schreckensherrschaft ein Partyspiel zu machen. Die Herausgeber antworten darauf in ihrer FAQ mit beißendem Sarkasmus.

Für bis zu zehn Spieler, entweder als fertiges Spiel erhältlich oder mit kostenlos herunterladbaren Druckdateien selbst gebastelt.

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Voll auf die 18: Argumente gegen Rechts

In diesem vergnüglichen, kooperativen Kartenspiel von Marc-Uwe Kling geht es darum, Nazis davon zu überzeugen, dass es doof ist, Nazi zu sein. Dafür spielen die Teilnehmer Argumente aus, deren Zahlwert genau dem IQ des jeweils zu überzeugenden Nazis entsprechen muss.

Unter Zeitdruck tauchen im Minutentakt neue Rechtsradikale auf, deren Herausforderungen immer schwieriger werden. Nach Abschluss aller 18 Kapitel generiert die begleitende App zufällige neue Szenarien für unbegrenzten Spielspaß.

Die Macher: Bundestagswahl im Miniaturformat

Das mehrstündige Strategiespiel von Karl-Heinz Schmiel simuliert eine komplette Bundestagswahl mit Schattenkabinetten, Parteiprogrammen, Meinungskarten und Spendengeld. Mit fast 40 Jahren auf dem Buckel bietet das Spiel nicht nur komplexe politische Herausforderungen, sondern auch einen Abstecher in die bundesdeutsche Geschichte.

Im Original waren nur die westlichen Bundesländer enthalten, und die Parteithemen unterscheiden sich deutlich von heutigen Debatten. Mehrere überarbeitete Fassungen und eine vor vier Jahren erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne haben das Spiel kontinuierlich modernisiert.

Hegemony: Klassenkampf am Spieltisch

Arbeiterklasse gegen Kapitalisten, Mittelschicht gegen Staat - bei Hegemony streben vier Gruppierungen nach der Vormachtstellung im Staat. Jede Fraktion spielt nach eigenen Regeln, was taktische Erwägungen besonders reizvoll macht und das Ineinandergreifen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte erlebbar werden lässt.

Das Spiel zeigt, wie der Staat durch den Einfluss verschiedener Interessengruppen seine Position zwischen Sozialismus und Neoliberalismus findet und politische Auseinandersetzungen über Gesetze konkret erfahrbar werden.

Wir sind das Volk: Deutsche Teilung als Spiel

In diesem preisgekrönten Spiel stehen Ost- und Westdeutschland einander gegenüber. Jeder Spieler ist Oberhaupt eines der beiden Deutschlands und muss innere Unruhen bewältigen sowie die Wirtschaft voranbringen. Historische Ereigniskarten treiben das Spielgeschehen voran und verlangen kluge taktische Entscheidungen.

Interessanterweise gab es anfangs Kritik an einer angeblichen Benachteiligung der DDR, bis ein Spieler ein Schlupfloch in den Regeln entdeckte, das dem Osten einen fast sicheren Sieg ermöglichte - woraufhin die Regeln offiziell angepasst wurden.

Zoocracy: Tierische Politik

Für alle, die politische Spiele mit Abstimmungen und Strategien mögen, aber lieber frei von historischen oder aktuellen Gegebenheiten bleiben, bietet Zoocracy eine tierische Alternative. Jeder Spieler erhält eine Tierfraktion, die klug Futter verteilt, um Wählerstimmen zu gewinnen.

Es wird um Ämter gekämpft, die Opposition setzt die Regierung unter Druck, und nach der Wahl geht es um Koalitionsbildung und die Durchsetzung politischer Ziele. Alle zwei Runden wird ein neuer Präsident gewählt - der aber auch wieder per Misstrauensvotum entfernt werden kann.

Diese neun Spiele zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig und unterhaltsam politische Bildung sein kann. Sie machen komplexe Mechanismen der Macht, Demokratie und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen nicht nur verständlich, sondern regelrecht greifbar - und das alles ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit viel Spielspaß und sozialer Interaktion.