Abschied eines Suff-Cops: Der letzte Polizeiruf aus Halle beendet eine einzigartige Krimi-Saga
Es ist vorbei, mein Freund. Mit einer bewegenden und melancholischen Episode verabschiedet sich der Polizeiruf 110 aus Halle an der Saale von seinem ungewöhnlichen Protagonisten. Peter Kurth spielt in dieser finalen Folge den wortkargen und alkoholkranken Kommissar Henry Koitzsch ein letztes Mal – eine Rolle, die seit ihrem Debüt im Jahr 2021 die deutsche Krimilandschaft bereichert hat.
Eine Ermittlung zwischen Stille und Erinnerung
Das Szenario beginnt mit einem Mord an einer einsamen Rentnerin. Doch schnell wird klar, dass dieser Fall mehr ist als eine simple Tatortuntersuchung. Kommissar Koitzsch, der sich bekanntlich am liebsten in Opferwohnungen aufhält, wo ihn niemand anspricht, findet sich bald in einem Netz aus Vergangenheit und Verlust wieder. Die Wände fangen an zu sprechen – sie erzählen von Gefängnissen, verfallenen Industrieruinen und dem gesamten Repressionsapparat der DDR. Hier wird deutlich, dass Schöpfer Clemens Meyer, der gebürtige Hallenser, nicht nur einen Krimi, sondern ein Stück deutsch-deutscher Geschichte erzählt.
Die Entwicklung einer ungewöhnlichen Figur
In der ersten Folge im Jahr 2021 zeigte sich Peter Kurth als Suff-Cop noch mit einem humorvollen One-Night-Stand. 2024 baute er dann eine tiefe Beziehung zu seinem Kollegen Lehmann, gespielt von Peter Schneider, auf. In diesem Finale jedoch ist der Ermittler hauptsächlich mit seiner Flasche und den Toten im Dialog. Eine besonders eindrucksvolle Szene zeigt Koitzsch, wie er den Whisky auf seinen nackten Bauch stellt, ins Feuer starrt und hemmungslos weint – ein kluger Bruch mit dem coolen Schweiger-Image, das er stets propagierte.
Unvergessliche Nebenfiguren und musikalische Akzente
Cordelia Wege als Frau Sommer setzt erneut helle Kontrapunkte in der düsteren Welt des Kommissars. Im Finale spielt sie wie Marilyn Monroe auf der Ukulele und gesteht jedem, der es hören will, ihre angebliche Bindungssucht. Ihr Auftritt vor einer Selbsthilfegruppe, wo sie den wehmütigen Schlager Das erste Mal tat's noch weh von Victor Lazlo & Stefan Waggershausen anstimmt, unterstreicht die melancholische Grundstimmung dieser Abschiedsfolge.
Bewertung und Analyse eines filmischen Meisterwerks
Mit 8 von 10 Punkten bewertet, stellt dieser Polizeiruf einen elegischen und würdigen Abschluss der Trinker-Saga dar. Die Kombination aus:
- Atmosphärischer Bildsprache
- Tiefgründiger Charakterzeichnung
- Historischem Subtext
- Emotionaler Musikuntermalung
macht diese Folge zu einem besonderen Fernsehereignis. Kaum vorstellbar, dass Clemens Meyer dieser einzigartigen Welt noch etwas hinzufügen könnte – das Revier in Halle wird nun endgültig verrammelt und vernagelt, eine Ostruine mehr in der deutschen Fernsehlandschaft.
Die Sendung Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten und markiert nicht nur das Ende einer Figur, sondern einer gesamten Ära des deutschen Fernsehkrimis.



