Berlinale-Eklat: Arundhati Roy sagt Teilnahme ab – Wim Wenders' Aussagen zum Gazakrieg sorgen für Empörung
Roy sagt Berlinale-Teilnahme nach Wenders-Aussagen ab

Politische Kontroverse erschüttert Berlinale 2026

Kurz vor der Eröffnung der Berliner Internationalen Filmfestspiele 2026 hat ein politischer Disput für erhebliche Unruhe gesorgt. Die renommierte indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat ihre geplante Teilnahme an dem renommierten Festival überraschend abgesagt. Der Grund für diesen Schritt sind kontroverse Aussagen des diesjährigen Jurypräsidenten Wim Wenders, der sich bei einer Pressekonferenz dezidiert weigerte, zum anhaltenden Gazakrieg Stellung zu beziehen.

Wenders: Kino als 'Gegengewicht zur Politik'

Bei der traditionellen Eröffnungskonferenz der Berlinale-Jury stellte der 80-jährige deutsche Regisseur Wim Wenders, bekannt für Werke wie Perfect Days und Paris Texas, seine Position klar. Auf die Frage, ob das Kino in der gegenwärtigen Zeit die Welt verändern könne, antwortete er differenziert. Kein Film habe jemals wirklich die Idee eines Politikers verändert, räumte Wenders ein, betonte aber gleichzeitig die transformative Kraft des Mediums.

Als er jedoch konkret zur Position der deutschen Bundesregierung zum Gazakrieg befragt wurde, zog der Jurypräsident eine deutliche Grenze. Wir müssen uns aus der Politik heraushalten, erklärte Wenders entschieden. Wenn das Kino Filme mache, die dezidiert politisch seien, begeben wir uns auf das Feld der Politik – doch wir sind das Gegengewicht zur Politik.

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Der Regisseur führte weiter aus, dass das Kino die einzigartige Fähigkeit besitze, Mitgefühl und Empathie zu wecken – Eigenschaften, die er in Nachrichten und Politik vermisst. Die Nachrichten sind nicht empathisch. Die Politik ist nicht empathisch, aber Filme sind es. Und das ist unsere Pflicht, betonte Wenders. Filmemacher müssten die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker.

Roy: 'Schockiert und angewidert'

Diese Aussagen stießen bei Arundhati Roy, der 64-jährigen Autorin des preisgekrönten Romans Der Gott der kleinen Dinge, auf massive Ablehnung. Die Schriftstellerin hatte ursprünglich eine Reise nach Berlin erwogen, wo der Fernsehfilm In Which Annie Gives It Those Ones aus dem Jahr 1989 im Klassikerprogramm gezeigt werden sollte – ein Werk, für das Roy das Drehbuch geschrieben hatte.

Doch nachdem sie die unfassbaren Äußerungen von Mitgliedern der Jury der Berliner Filmfestspiele gehört habe, wie sie in einem Statement erklärte, das zuerst im indischen Medium The Wire veröffentlicht wurde, zog sie ihre Teilnahme zurück. Zu hören, dass Kunst nicht politisch sein sollte, sei einfach nur unfassbar, schrieb die Autorin.

Roy kritisierte scharf, dass durch Wenders' Haltung eine Diskussion über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterbunden werde. Ihrer Ansicht nach sollten Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Konflikt zu stoppen. Sie bezeichnete das israelische Vorgehen in Gaza als Völkermord an den Palästinensern, der unter anderem von Deutschland mitfinanziert werde.

Wenn die größten Filmemacher und Künstler unserer Zeit nicht aufstehen und dies sagen können, sollten sie wissen, dass die Geschichte über sie richten wird. Ich bin schockiert und empört, erklärte Roy und bekräftigte ihre Entscheidung, nicht an der Berlinale teilzunehmen.

Traditionell politisches Festival unter Druck

Die Berlinale gilt traditionell als ausgesprochen politisches Festival, das immer wieder gesellschaftliche Debatten aufgreift und reflektiert. Der Gazakrieg beschäftigt das Festival bereits seit mehreren Jahren und hat die Institution zuletzt auch organisatorisch unter erheblichen Druck gesetzt.

Bereits bei der Preisverleihung 2024 nutzten Preisträger und einzelne Jurymitglieder die Bühne für politische Statements, forderten einen Waffenstillstand und äußerten sich teils scharf zum israelischen Vorgehen. Diese Auftritte lösten eine intensive Debatte aus, die bis hin zu Antisemitismusvorwürfen reichte.

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Im Jahr 2025 kam es erneut zu einem Eklat, als bei einer Veranstaltung eine Erklärung verlesen wurde, die Deutschland der Unterstützung eines Genozids bezichtigte. Der Staatsschutz prüfte den Vorgang, und der Zentralrat der Juden äußerte sich fassungslos über die Vorwürfe.

Gegensätzliche Positionen zur Rolle der Kultur

In einer kuriosen zeitlichen Gleichzeitigkeit äußerte sich am selben Tag der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil beim Produzententag der Filmbranche zum Verhältnis von Kultur und Politik. Er lobte ausdrücklich die Proteste von Künstlerinnen und Künstlern in den USA gegen die Politik von Präsident Trump.

Klingbeil leitete die Bedeutung der Kultur für die Gesellschaft gerade daraus ab, dass Kreative aufstehen und ihre Meinung sagen. Diese Position steht in deutlichem Kontrast zu Wenders' Aussagen und unterstreicht die grundsätzliche Spannung, die im Verhältnis von Kunst, Politik und gesellschaftlicher Verantwortung besteht.

Die Absage von Arundhati Roy und die kontroversen Aussagen von Wim Wenders werfen erneut die grundlegende Frage auf, welche Rolle Filmfestivals in politischen Konflikten einnehmen sollten und wie weit die Verantwortung von Künstlern in globalen humanitären Krisen reicht.