„Selemo“ an der Neuköllner Oper: Eine dekoloniale Frühlingsbeschwörung mit stehendem Applaus
„Selemo“: Dekoloniale Frühlingsoper begeistert Neukölln

„Selemo“ an der Neuköllner Oper: Eine gewaltige Beschwörung des Frühlings

Das Opernfestival „Schall & Rausch“ feiert seine Premiere in der Neuköllner Oper mit der außergewöhnlichen Frühlingsoper „Selemo“. Nicht nur der innovative dekoloniale Ansatz des Stückes bekommt stehenden Applaus, sondern auch die brillante schauspielerische und musikalische Leistung des gesamten Ensembles.

Chaotischer Beginn und harmonische Neustarts

Zu Beginn herrscht ein bewusstes Chaos auf der Bühne: wirre Bewegungen der Performerinnen und Performer vermischen sich mit einem Gewirr verschiedener Sprachen, darunter solche mit charakteristischen Schnalz- und Knacklauten. Das Musik-Ensemble am hinteren Bühnenrand befindet sich in einem Schwebezustand zwischen ersten lyrischen Ansätzen und dem noch nicht abgeschlossenen Stimmen der Instrumente. Während die Darsteller die Bühne mit ihren Körpern schreitend vermessen, loten die Musiker sie parallel dazu akustisch aus.

Doch genau an diesem Punkt, als die Konfrontation zweier Welten gerade erkennbar wird, erfolgt der große Cut: Alles stoppt abrupt. Unter dem Motto „Wir brauchen einen besseren Anfang“ beginnt die Performance von vorn – diesmal jedoch in einer gemeinsamen, koordinierten und harmonischen Bewegung. Dieser bewusste Neustart wird zum zentralen künstlerischen Statement des gesamten Abends.

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Internationale Kooperation mit tiefem kulturellem Hintergrund

„Selemo“ ist eine Kammeroper der südafrikanischen Künstler S'busiso Shozi und Nhlanhla Mahlangu. Es handelt sich um eine bemerkenswerte Kooperation zwischen der Neuköllner Oper, der Komischen Oper und dem Johannesburger Centre for the Less Good Idea, das 2016 von den renommierten südafrikanischen Künstlern William Kentridge und Bronwyn Lace gegründet wurde. Mit dieser Produktion startet die diesjährige Ausgabe des Festivals für brandneues Musiktheater, „Schall & Rausch“, besonders vielversprechend.

Frühling als kulturelle Revolte

Der Titel „Selemo“ bedeutet auf Sesotho „Frühling“ – eine Jahreszeit, die man sich in Berlin derzeit besonders stark herbeisehnt. Das Stück erkundet jedoch zwei grundlegend verschiedene Frühlingskonzepte:

  • Den europäischen Frühling als Jahreszeitenwechsel und ästhetisches Ideal
  • Den südafrikanischen Frühling als Revolte der Natur, sexuelle Explosion und entscheidenden Moment im Kreislauf von Leben und Tod

Diese kontrastierenden Perspektiven werden nicht nur thematisch, sondern vor allem musikalisch gegenübergestellt: Fragmente aus Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ treffen auf die Musik von Shozi, Mahlangu und ihrem musikalischen Mentor Neo Muyanga. Besonders eindrucksvoll ist die Gegenüberstellung von Vivaldis Frühling mit dem traditionellen „Schilfrohrtanz“, der in Südafrika und Eswatini den Frühling als Zeit von Fruchtbarkeit und sexueller Reife rituell feiert.

Musikalische Dialoge und kulturelle Gegenüberstellungen

Die Sängerin Alma Sadé interpretiert Vivaldis barocke Koloraturen mit voller Streicherbegleitung und vollem Schmelz, nur um sogleich von hymnischen, gewaltigen und rhythmisch vertrackten Solo- und Chorgesängen des Schwarzen Ensembles beantwortet zu werden. Mal wechseln sich die musikalischen Welten ab, mal überlagern sie sich auf faszinierende Weise.

Besonders bemerkenswert ist dabei, wie die europäische Verklärung der Natur bei Vivaldi im Kontrast zum oft hymnischen, gewaltigen Chorgesang, der auch die rauen Seiten der Natur zelebriert, geradezu naiv erscheint. Wenn über den barocken Streichern Vogelgezwitscher aus einer Vogelpfeife ertönt, wirkt Vivaldi plötzlich wie die Untermalung eines Disney-Streifens.

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Körperlichkeit und universelle Verbundenheit

Pertunia Mpumelelo Msani führt stimmgewaltig und ausgesprochen körperlich vor, dass die im „Frühlingsfieber“ erwachende Sexualität einer jungen Frau nichts mit Blümchen, Bienchen und Unschuld zu tun hat, sondern eine mächtige, stolze Kraft darstellt, die sich in allem Sein widerspiegelt. Das Stück vermittelt die tiefe Überzeugung, dass sich das Sein in Kreisläufen vollzieht: Das Leben kann nicht ohne den Tod, das Kommende nicht ohne das Vergangene gefeiert werden.

Diese universelle Verbundenheit umfasst auch scheinbar vergängliche Phänomene wie Klänge und Sprache: Klänge, die erklingen, und Worte, die gesagt werden, verklingen nicht einfach, sondern gehen ins große Ganze ein. Solche Bilder von Allverbundenheit könnten in anderen Kontexten unterschiedlich wirken – hier aber, mit der Kolonialgeschichte im Hintergrund, entfalten sie eine ganz andere, drängendere Kraft.

Dekoloniale Kunst ohne erhobenen Zeigefinger

Als Antonio Vivaldi im Jahr 1710 optimistisch feststellte, „der Frühling kommt immer“, befand sich Südafrika unter der Herrschaft der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Die Schwarze Bevölkerung war größtenteils versklavt, ihre Kultur systematisch abgewertet. Dies wird im Stück nicht explizit gesagt – „Selemo“ kommt nie als belehrende Geschichtsstunde oder mit erhobenem Zeigefinger daher.

Stattdessen wird das Wissen um die Kolonialgeschichte stillschweigend vorausgesetzt. Wenn Hlengiwe Lushaba Madlala zu Beginn und zum Ende der Oper sagt: „Wir brauchen einen besseren Anfang“, ist unmissverständlich klar, dass mit diesem Anfang die erste Begegnung der Kulturen gemeint ist.

Verdiente Ovationen für innovative Inszenierung

Diese dekoloniale Form der Vermittlung von Kulturgeschichte, bei der nicht Europäer einander verschiedene europäische Standpunkte erklären, sondern Schwarze Theaterkünstler Skript und Regie in die Hand nehmen, hat die stehenden Ovationen am Ende voll und ganz verdient. Die Inszenierung kehrt die in der Operngeschichte traditionell dominierende Perspektive um und lässt den naiven Vivaldi kurios und fremd erscheinen.

Die Anerkennung gilt nicht nur den guten Ideen und der mitreißenden Inszenierung, sondern insbesondere der glänzenden schauspielerischen und musikalischen Leistung aller Beteiligten. Im Laufe des Abends verschmelzen die beiden Ensembles auf der Bühne immer mehr zu einer einzigen, kraftvollen künstlerischen Einheit – ein beeindruckendes Symbol für die im Stück propagierte kulturelle Verbundenheit.