Sexarbeit im Museum: Eine Ausstellung gibt Betroffenen erstmals eine Stimme
Sexarbeit im Museum: Betroffene erhalten erstmals eine Stimme

Sexarbeit im Museum: Eine Ausstellung gibt Betroffenen erstmals eine Stimme

In den Ausstellungsräumen der Bundeskunsthalle in Bonn steht Rori, eine Sexarbeiterin und Mit-Kuratorin der neuen Schau. Vor ihr liegen jahrtausendealte Sandalen aus Athen, glamouröse Opernfotos aus Paris und düstere Dokumente aus Konzentrationslagern. Es ist ihre Ausstellung – eine Premiere in einem der bedeutendsten Museen Deutschlands, bei der erstmals eine Sexarbeiterin aktiv mitgestaltet hat.

Eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart

„Ich bin wirklich sehr glücklich, all diese Geschichten von Sexarbeitenden auf einer so großen nationalen Bühne versammelt zu sehen“, erklärt Rori. Die Ausstellung mit dem Titel „Sex Work – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ erzählt, was sonst oft verschwiegen wird: die facettenreiche Historie dieser Branche seit der Antike. Ab dem 1. April ist die Schau in Bonn zu besichtigen.

Im antiken Athen hinterließen Prostituierte mit speziellen Sandalen Spuren im Sand, die zur Botschaft „Folge mir“ einluden. Dies ist ein Zeugnis aus einer Epoche, in der Sexarbeit bereits fest im Alltag verankert war. Erotik und Kunst gingen damals häufig Hand in Hand. Im Paris des 19. Jahrhunderts erwarteten reiche Opernbesucher „Gefälligkeiten“ als Gegenleistung für ihre finanzielle Förderung. In männerdominierten Gesellschaften blieb Frauen oft nur dieser Weg, um eigenständig Geld zu verdienen und sich zu emanzipieren.

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Die dunklen Kapitel der Geschichte

Die Historie der Sexarbeit schwankt zwischen liberalen und repressiven Phasen. Auf das libertäre Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre folgte die Barbarei des Nationalsozialismus. 1942 ließ SS-Chef Heinrich Himmler, der maßgeblich am Holocaust beteiligt war, Bordelle in Konzentrationslagern errichten. Viele Frauen ließen sich darauf ein, angelockt durch Versprechen auf bessere Haftbedingungen und frühere Freilassung. Nach Kriegsende wurde dieses düstere Kapitel jahrzehntelang totgeschwiegen. Die Tatsache, dass Nazi-Opfer ihren Körper einsetzten, um zu überleben, machte sie zu gesellschaftlich Geächteten.

In den 1980er Jahren wurde Aids für Betroffene zu einem schweren Stigma. Konservative Kreise brandmarkten die auch als „Lustseuche“ bezeichnete Virusinfektion als „Strafe Gottes“ für Homosexuelle und Prostituierte. Kalifornien setzte damals auf ein simples Rezept gegen die Seuche: Treue in der Ehe.

Der Kampf um Gehör und Anerkennung

Doch die 80er Jahre waren zugleich eine Zeit des Aufbruchs. In Berlin und Frankfurt organisierten sich Prostituierte erstmals selbst, um für ihre Rechte zu kämpfen. Sogar die Mode prägten sie mit, wie Johanna Adam, Kuratorin der Bundeskunsthalle, betont. „Es ist unglaublich, wie viele Sexarbeitende hier Input gegeben haben“, sagt Rori. Das Ziel war es, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen, erklärt Eva Kraus, die Intendantin der Bundeskunsthalle.

„Ich hoffe, dass wir etwas dafür tun können, den derzeitigen Diskurs zu verändern.“ Wenn über das Prostitutionsgesetz debattiert wird, bleiben die Betroffenen selbst meist außen vor. Die Realität reicht von Zwang bis zu freier Entscheidung, wobei sich die meisten in einer Grauzone bewegen. Zum ersten Mal haben sie hier eine Stimme und eine Bühne. Ihre Geschichte wird endlich gehört und gewürdigt.

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