Theaterinszenierung als politische Debatte: Soll die AfD verboten werden?
Im Hamburger Thalia Theater wurde drei Tage lang ein außergewöhnlicher fiktiver Gerichtsprozess verhandelt. Unter dem Titel „Prozess gegen Deutschland“ debattierten rund 30 Experten, Juristen, Politiker und sogenannte Zeugen die brisante Frage: Muss und darf man die in Teilen als rechtsradikal eingestufte AfD verbieten? Die Veranstaltung sorgte für kontroverse Diskussionen und zog zahlreiche Besucher an.
Prominente Teilnehmer und kontroverse Positionen
Als Vorsitzende Richterin fungierte die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (82, SPD). Besonders bemerkenswert war die Teilnahme der Ex-AfD-Chefin Frauke Petry (50), die als Zeugin auftrat und unter Buhrufen des Publikums warnte: „Verbote sind der Anfang vom Ende des Fortschritts.“ Auf der anderen Seite plädierte die Hamburger Juristin Gabriele Heinecke, bekannt aus dem Fall Oury Jalloh, für ein Verbot: „Diese Partei ist eine Bedrohung für einen großen Teil der Bevölkerung in diesem Land.“
BILD-Kolumnist Harald Martenstein (72) lieferte eine vielbeachtete Gegenrede und mahnte: „Man kann mit der Begründung, man verteidige die Demokratie, die Demokratie auch abschaffen.“ Seine Worte unterstreichen die grundsätzliche Spannung zwischen dem Schutz demokratischer Werte und der Gefahr von Überregulierung.
Das Urteil der Geschworenen
Am Ende des Prozesses fällten sieben Geschworene ein mehrstufiges Urteil: Mit 2:3 Stimmen bei zwei Enthaltungen lehnten sie ein sofortiges AfD-Verbot ab. Allerdings sprachen sie sich mit 5:2 Stimmen für die Einleitung eines Verbotsverfahrens aus. Zudem beschlossen sie die Streichung aller staatlichen Zuschüsse für die AfD, solange dieses Verfahren läuft. Diese Entscheidung spiegelt die ambivalente Haltung vieler Bürger gegenüber der Partei wider.
Regisseur Milo Rau: Ein Stellvertreter-Verfahren für Deutschland
Der Schweizer Regisseur Milo Rau (49), der das Projekt inszenierte, erklärte gegenüber BILD: „Dies ist ein Stellvertreter-Verfahren für einen Prozess, den Deutschland führen muss.“ Er betonte die Dringlichkeit der Debatte: „Demokratie stirbt an der Bequemlichkeit der Bürger, an Ausgrenzung, an der Weigerung, in einem Raum miteinander zu streiten, statt nur übereinander zu reden.“
Rau wies darauf hin, dass zwar Gerichte über die Verfassungswidrigkeit der AfD entscheiden müssten, die Gesellschaft jedoch über den Umgang mit der Partei und ihren Wählern debattieren solle. „Alles kann – und muss – dabei gesagt werden“, so Rau, der dennoch rote Linien definiert: „Wenn die Ziele der Partei Umsturz oder Ausgrenzung sind – dann ist das gegen unsere Demokratie und unsere Verfassung. Ich sehe dafür Anzeichen bei der AfD.“
Weitere Teilnehmer und politische Statements
Neben Frauke Petry waren weitere prominente Gäste eingeladen, darunter Erika Steinbach und Ex-BDI-Präsident Hans Olaf Henkel, die jedoch absagten. Stattdessen beteiligten sich Hamburgs SPD-Kultursenator Carsten Brosda (51), der CDU-Politiker und Historiker Prof. Andreas Rödder sowie der „Correctiv“-Aktivist Jean Peters, bekannt durch seine Recherchen zum Potsdamer „Remigrations“-Kongress.
Brosda kommentierte: „Das Theaterprojekt von Milo Rau fordert uns heraus, für unsere Demokratie, ihre Freiheit und ihre Vielfalt auch jenseits des Theaters ernsthaft zu streiten.“ Er betonte die Notwendigkeit, Grenzen der Toleranz zu markieren: „Wir sind liberal. Aber nicht doof. Unser Grundgesetz beinhaltet deshalb Regeln, die sicherstellen sollen, dass die Demokratie niemals mehr mit ihren eigenen Mitteln abgeschafft werden kann.“
Fazit: Eine gesellschaftliche Debatte mit Signalwirkung
Der „Prozess gegen Deutschland“ im Thalia Theater hat gezeigt, wie komplex die Frage nach einem AfD-Verbot ist. Während ein sofortiges Verbot mehrheitlich abgelehnt wurde, forderten die Geschworenen ein offizielles Verbotsverfahren. Regisseur Milo Rau sieht darin ein wichtiges Signal: „(Noch) kein AfD-Verbot – aber ein Verbotsverfahren, das der Gesellschaft vor Augen führt, was passieren kann, wenn nicht Toleranz, sondern Hass die politische Bühne bestimmt. Denn dann stirbt die Demokratie einen langsamen Tod.“
Die Veranstaltung unterstreicht, dass die Debatte über den Umgang mit der AfD nicht nur in Gerichtssälen, sondern auch auf kulturellen Bühnen geführt werden muss. Sie zeigt, wie Theater als Forum für gesellschaftliche Auseinandersetzungen dienen kann und welche Verantwortung jeder Einzelne für den Erhalt der Demokratie trägt.



