Karnevalist Jacques Tilly kontert russischen Schauprozess mit satirischen Pappmaché-Wagen
Tillys närrische Antwort auf russischen Prozess: Pappmaché-Duell

Karnevalist Jacques Tilly kontert russischen Schauprozess mit satirischen Pappmaché-Wagen

Der Düsseldorfer Karnevalist und Satiriker Jacques Tilly (62) hat auf den gegen ihn geführten russischen Gerichtsprozess mit einer ungewöhnlichen Antwort reagiert: Drei satirische Motivwagen für den Rosenmontagszug, die das russische Staatsoberhaupt Wladimir Putin in verschiedenen kritischen Darstellungen zeigen. Die russische Justiz hat Tilly in Abwesenheit angeklagt und eröffnete ein Verfahren, das der Künstler als "Propagandaprozess eines totalitären Regimes" bezeichnet.

Ein ungleiches Duell: Pappe gegen Staatsmacht

"Dieser Wagen ist unser närrischer Kommentar zu der ganzen Sache", erklärte Tilly gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Der Bildhauer beschreibt die Situation als "Duell mit sehr ungleichen Waffen": Auf der einen Seite stehe die scharfe Waffe des russischen Staates, auf der anderen Seite lediglich die aus Pappe bestehende Satire, die nicht töten könne. "Es ist ein sehr ungleiches Duell, was wir hier auf die Straße gebracht haben", so der 62-Jährige weiter.

Die drei Wagen aus Tillys Werkstatt zeigen Putin in unterschiedlichen, kritischen Szenarien:

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram
  • Ein grimmiger Putin, der einen kleinen Narren mit dem Schwert aufspießt, während der Winzling tapfer mit einer Papp-Klatsche zurückschlägt
  • Der Kremlchef, der eine AfD-Drohne steuert, die der AfD-Politikerin Alice Weidel frappierend ähnlich sieht
  • Ein imperialistischer Putin, der gierig gemeinsam mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump Europa verspeist

Schauprozess ohne Rechtsstaatlichkeit

Über den konkreten Prozessverlauf und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sei Tilly bis heute nicht informiert worden, betont der Karnevalist. Selbst die ihm zugeteilte Pflichtverteidigerin habe sich nicht bei ihm gemeldet. "Mir ist unbegreiflich, wie man Rechtsstaatlichkeit noch nicht mal simuliert. Aber es ist ein für Schauprozesse berüchtigtes Gericht. Und das ist wohl so ein Prozess", urteilt Tilly.

Laut dem Moskauer Gericht muss sich Tilly wegen Verunglimpfung der russischen Staatsorgane verantworten, was neben der russischen Armee auch Präsident Wladimir Putin einschließt. Zudem wird dem Künstler die Verletzung religiöser Gefühle vorgeworfen. Der Prozess findet in Abwesenheit Tillys statt und soll am 26. Februar fortgesetzt werden.

Satire als wirksames Mittel gegen Autokraten

Für Tilly stellt der Prozess gleichzeitig eine Bestätigung seiner jahrzehntelangen Arbeit dar. "Das zeigt, dass Satire auch wehtut, dass Satire Sinn macht, dass Potentaten, Autokraten und Despoten tatsächlich Angst haben vor dem angstfreien Lachen der Menschen über sie", erklärt der Bildhauer. Denn Autokraten herrschten über Angst, und wenn über sie gelacht werde, verlören sie dieses zentrale Machtmittel.

"Das zeigt schon, dass wir da auf dem richtigen Weg sind", resümiert Tilly. Der Prozess mache sichtbar, "wie lächerlich dieses Regime sich macht, das gegen Pappfiguren solche Mittel auffährt". Der Künstler betont, er hätte nie gedacht, dass die russischen Behörden so unsouverän auf humorvolle Kritik reagieren würden.

Bedrohung und Solidarität

Neben der satirischen Antwort gibt es für Tilly jedoch auch eine bedrohliche Seite der Angelegenheit. "Wahrscheinlich werden sehr viele Jahre Straflager auf mich zukommen. Klar, das ist eine Belastung, auch wenn ich die hoffentlich nicht antreten werde", sagt der 62-Jährige. Zudem ist seine Reisefreiheit eingeschränkt, da Gerüchte kursieren, er stehe auf einer internationalen Fahndungsliste.

Dennoch erreicht den Karnevalisten viel Solidarität. Landespolitiker hätten sich parteiübergreifend vor ihn gestellt, angefangen mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU). "Mich erreichen E-Mails aus ganz Deutschland von Menschen, die mir Mut zusprechen. Das ist motivierend, denn der Sinn dieses Verfahrens ist es ja natürlich einzuschüchtern, Angst zu verbreiten", so Tilly.

Die Quintessenz für den Künstler und sein Team ist klar: "Wir machen weiter." Tilly baut und entwirft seit 1984 Karnevalswagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug und hat mit seinen politisch-satirischen Mottowagen regelmäßig für internationales Aufsehen gesorgt. Für seine künstlerische Arbeit wurde er 2024 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration