Die 61. Kunstbiennale in Venedig hat am Sonntag ohne feierliche Eröffnung begonnen. Stattdessen öffnete eine der bedeutendsten internationalen Kunstausstellungen um 11 Uhr ihre Tore für die breite Öffentlichkeit. Der Verzicht auf das übliche Zeremoniell ist eine direkte Folge des Rücktritts der gesamten Jury, die sich im Streit über die Teilnahme Russlands und Israels aufgelöst hatte. Daher werden die diesjährigen Preise erst zum Abschluss im November vergeben – und zwar durch das Publikum.
Besucheransturm trotz politischer Spannungen
Der Andrang war trotz der Kontroversen enorm. Rund 10.000 Menschen besuchten die Biennale am Eröffnungstag, wie die Veranstalter zufrieden mitteilten. Dies entspricht einem Anstieg von zehn Prozent im Vergleich zum Eröffnungstag der vorherigen Kunstbiennale vor zwei Jahren. Die politischen Auseinandersetzungen scheinen das Interesse eher befeuert zu haben.
Russlands Rückkehr sorgt für Empörung
Besonders umstritten ist die Teilnahme Russlands, das nach 2022 und 2024 erstmals wieder mit einem Pavillon vertreten ist. Der russische Pavillon bleibt zwar für das breite Publikum geschlossen, doch draußen wird auf einem großen Bildschirm die Installation „Der Baum ist im Himmel verwurzelt“ gezeigt. Kuratiert wird das Musik- und Performanceprojekt von Anastassija Karnejewa, deren Vater als Rüstungsmanager beim Staatskonzern Rostec tätig ist. Kritiker sehen darin einen propagandistischen Schachzug Moskaus im Rahmen der „hybriden Kriegsführung“.
Italiens Kulturminister Alessandro Giuli zeigte sich verbittert und erklärte der Zeitung „Corriere della Sera“: „Bei der Biennale hat Putin gewonnen.“ Der rechte Vize-Regierungschef Matteo Salvini hingegen besuchte den russischen Pavillon und stellte sich hinter Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco, der vor Zensur warnte. Buttafuoco betonte: „Dies ist ein Garten des Friedens, ein Ort, an dem ausgestellt wird, ein Ort, an dem diskutiert wird, ein Ort, wo man sich zuhört.“
Proteste gegen Israel und Ukraine-Konflikt
Auch die Teilnahme Israels sorgt für Unmut. Bereits am Freitagabend protestierten rund 2.000 Menschen in Venedig, die Polizei setzte Schilder und Schlagstöcke ein. 20 nationale Pavillons blieben am Freitag aus Solidarität mit den Protesten geschlossen. Die Ukraine, deren Kulturlandschaft durch den russischen Krieg schwer beschädigt wurde, zeigt das Projekt „Sicherheitsgarantien“. Die Künstlerin Schanna Kadyrowa präsentiert ihren „Origami-Hirsch“, der 2024 aus der umkämpften Stadt Pokrowsk gerettet wurde.
Persönliche Schicksale überschatten die Biennale
Neben politischen Kontroversen prägen auch Todesfälle die diesjährige Ausgabe. Die Kuratorin Koyo Kouoh starb im vergangenen Jahr mit 57 Jahren an Krebs. Die Installationskünstlerin Henrike Naumann, die Deutschland vertreten sollte, erlag im Februar ebenfalls einer Krebserkrankung. Der deutsche Pavillon wurde dennoch nach ihren Ideen und denen der Künstlerin Sung Tieu gestaltet. Kuratorin Kathleen Reinhardt erklärte, dass erstmals ostdeutsche und ostdeutsch-migrantische Perspektiven in dieser Vehemenz im Pavillon vertreten seien. Tieu überdeckt das Gebäude von 1938 mit dem Bild eines Berliner Plattenbaus aus den 1990er Jahren, wofür sie über drei Millionen Mosaiksteine verwendet.
Die Biennale läuft noch bis November. Der öffentliche Besucherandrang zeigt, dass die Mischung aus Kunst und politischer Brisanz das Publikum anzieht, auch wenn die Eröffnung diesmal ohne Feierlichkeit auskommen musste.



