Friseurmeisterin Jutta Gsell: Warum sie nie nach Kundenwünschen fragt und damit Erfolg hat
Friseurin fragt nie nach Wünschen – und hat Erfolg

Die Friseurmeisterin, die Beratung neu denkt

In einer Welt, in der Friseure standardmäßig fragen „Was darf es sein?“, geht Jutta Gsell einen radikal anderen Weg. Die 58-jährige Friseurmeisterin mit fast 40 Jahren Berufserfahrung stellt eine simple, aber revolutionäre Frage: „Was darf denn nicht passieren?“ Dieser Ansatz hat ihr Salon „Kopf-Kunst“ in Bad Mergentheim zu einem bundesweit bekannten Ort der Haarkunst gemacht – und sogar Kundinnen aus Brandenburg reisen hunderte Kilometer für einen Termin an.

Tabus statt Wünsche: Ein neuer Beratungsansatz

„Warum sollte ich die Kundin fragen, was sie sich wünscht?“ erklärt Gsell ihre Philosophie. „Die Fachkompetenz sitzt schließlich hinter dem Stuhl – und das bin ich, nicht die Kundin.“ Statt konkrete Vorstellungen abzufragen, konzentriert sie sich darauf, herauszufinden, was absolut tabu ist. Diese Einschränkung zwingt sie dazu, kreativer zu denken und individuellere Lösungen zu entwickeln.

Gsell betont: „Ich frage mich dann: Hey, was könnte der Dame wirklich gut stehen? Wie ist sie? Was strahlt sie aus? In welcher Lebensphase befindet sie sich gerade?“ Diese tiefgehende Analyse ermöglicht es ihr, Frisuren zu kreieren, die nicht nur ästhetisch passen, sondern auch die Persönlichkeit und Lebenssituation der Kundin widerspiegeln.

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Social Media als Erfolgsfaktor

Mit 156.000 Followern auf Instagram und 17.100 auf TikTok hat Gsell eine beeindruckende Online-Präsenz aufgebaut. Ihre Vorher-Nachher-Videos zeigen spektakuläre Verwandlungen und demonstrieren ihr handwerkliches Können. Doch nicht nur die handwerkliche Qualität überzeugt – auch ihre menschliche Herangehensweise kommt bei den Followern an.

„Jeder Einzelne, der hier hereinkommt, zählt“, betont die Friseurmeisterin. Diese Wertschätzung spüren offenbar auch die Kundinnen, die teilweise weite Anreisen in Kauf nehmen. Kürzlich reiste sogar eine Kundin aus Brandenburg nach Baden-Württemberg, um sich von Gsell beraten zu lassen.

Vielfältige Kundschaft und individuelle Ansätze

Die Kundinnen von Jutta Gsell sind so vielfältig wie ihre Frisuren: von jung bis alt, von konservativ bis experimentierfreudig. Interessanterweise zeigen sich ältere Kunden oft offener für Videoaufnahmen als jüngere, die häufiger Bedenken haben, auf Social Media kritisiert zu werden.

Gsell schätzt besonders die Offenheit ihrer Stammkundinnen: „Die Hälfte meiner Kundinnen möchte vorab wissen, was ich vorhabe, die andere Hälfte lässt sich überraschen und gibt mir freie Hand.“ Selbst langjährige Kundinnen wie die Biathletin Kati Wilhelm, die seit 1999 zu Gsell kommt, verlassen den Salon niemals mit der gleichen Frisur wie zuvor.

Umgang mit Kritik und Branchenentwicklungen

Auch erfolgreiche Friseurinnen wie Jutta Gsell bleiben von Hasskommentaren im Netz nicht verschont. Doch die erfahrene Handwerkerin geht gelassen damit um: „Ich weiß genau, was ich kann. Ich bin keine 20 mehr.“ Die meisten negativen Kommentare kämen von jungen Männern, deren Kritik sie nicht ernst nehme.

Zur aktuellen Preisentwicklung in der Friseurbranche hat Gsell eine klare Meinung: „Zum Glück, kann ich da nur sagen.“ Sie verweist darauf, dass seit Corona etwa 60 Prozent der Friseure die Branche verlassen hätten – eine Folge jahrelanger Niedriglöhne. Heute könne sie endlich angemessen verdienen und sich auch mal einen schönen Urlaub leisten.

Einmalige Fehler und bleibende Prinzipien

Nur einmal in ihrer langen Karriere gab es eine Kundin, die unzufrieden den Salon verließ – und genau dieser Fall bestätigte Gsells Philosophie. „Ich habe nicht das umgesetzt, was ich selbst für richtig hielt, sondern genau das gemacht, was sie verlangte“, erklärt sie. Das Ergebnis: Die Kundin sah genauso aus wie zuvor, ohne erkennbare Verbesserung.

Dieses Erlebnis bestärkte sie in ihrem Ansatz, stets ihre fachliche Expertise in den Vordergrund zu stellen. Auch wenn Trends wie der Bixie Bob momentan modern sind, passt Gsell diese immer individuell an Haarstruktur und Gesichtsform an.

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Ihre markanten Brillen, die oft als Markenzeichen interpretiert werden, sieht die Friseurmeisterin übrigens einfach als cooles Accessoire: „Seit ich 15 Jahre alt bin, trage ich eine Brille. Nie habe ich darüber nachgedacht, sie durch Kontaktlinsen zu ersetzen.“

Mit ihrem innovativen Ansatz und ihrer Leidenschaft für den Friseurberuf hat Jutta Gsell nicht nur ihren Salon erfolgreich geführt, sondern auch 19 ehemalige Mitarbeiter in die Selbstständigkeit begleitet. Ihre Überzeugung: „Friseure leisten Großartiges und tun etwas Einzigartiges. Das sollte endlich mehr ins Bewusstsein rücken.“