Schmuck aus Papier made in Güstrow und Papp-Stuck im Gutshaus Scharpzow
Man nehme Papierschnipsel, Leim und witzige Ideen: Schon hat man Ohrringe und Bau-Schmuck. Die Roesnerin lädt in ihre „Wunderkammer“ und Hollensteiners in ihr Gutshaus bei Malchin.
Arm, aber sexy – der Slogan, den Berlin für sich verbucht, kann auch für Mecklenburg-Vorpommern gelten. Geringe Einkünfte, wenig Menschen, aber total schön. Früher war auch der Adel arm: Waren doch die Büsten römischer Kaiser im Park von Schloss Ludwigslust aus Pappe – leicht wie eine Schachtel aus Styropor und trotzdem bei Wind und Regen draußen.
Badewannen aus Pappe
Dank einer leimgehärteten und in Form gebrachten Masse aus Papierbrei, dem Papiermaché, ging das. Gemacht wurden sie und mehr in der „Carton-Fabrique“ Ludwigslust zur Zeit der Aufklärung. Überdies Kerzenständer, Uhrengehäuse und Konsolen, sogar Sessel und Badewannen sowie Waschbecken!
Dieses leicht formbare und doch robuste Material haben auch heutige Mecklenburger-Vorpommern für sich entdeckt, auch wenn sie zugezogen sind. Die fröhliche Rheinländerin Heike Roesner macht Miniaturen aus Papiermaché und drapiert die kleinen Kunstwerke in den hohen Ladenfenstern ihrer „Roesnerei“ Güstrow. Man braucht nur Papierschnipsel, Leim und witzige Ideen. Ihre Figurengruppen erzählen kleine Geschichten des Lebens.
„Meine Arbeiten bestehen aus alten und neuen, gebrauchten und ungebrauchten, edlen und banalen, merkwürdigen und alltäglichen Papieren. Diese Werkstoffe verwandeln sich in Figuren und Episoden, die mir im Leben begegnen oder mich beschäftigen“, erzählt die Künstlerin. Manchmal führt dies auch zu bizarren Geschichten, in deren Verlauf spezielle Persönlichkeiten, wie Hirschdamen und -herren geboren werden. „Meine große Vorliebe sind aber auch Tischgesellschaften in jeglicher Zusammensetzung“, bekennt sie. Und so finden sich sogar Tierköpfe auf Broschen.
Frau voller Flower-Power
Aus ihrem Berliner Atelier, das sie zeitweise innehatte, hat die Roesnerin nun allerlei bislang nie gesehene Schätze gehoben: Schmuck! Ketten und Broschen, Colliers und Handtaschen, Ohrclips und große Fingerringe aus getrocknetem und mit leuchtenden Farben, teils mit Blattgold versehenem Zeitungspapier versprühen hippes Großstadtflair. Damit Frau voller Flower-Power damit auch durch den Regen spazieren kann, hält zweimal aufgebrachte Schutzfirnis.
Am 16. Mai ab 15 Uhr lädt Heike Rosener in ihre Wunderkammer voller Schmuck in die Hageböcker Straße 12 in der Galeriemeile Güstrow. Im Juli plant sie sogar eine Modenschau.
Zwei weitere Pappmaché-Fans sind rund 40 Kilometer weiter südöstlich zu finden: Im Gutshaus Scharpzow bei Malchin. Hier haben sich Nina Hollensteiner aus Nordrhein-Westfalen und ihr aus Sachsen stammender Mann Albrecht diesem besonderen Werkstoff gewidmet. Beim Sanieren ihres Hauses fanden sie statt schweren Stucks aus Gips ultraleichte Ornamentformen aus Pappmaché an den Decken vor. Jetzt möchten die Gutshausretter ihr Haus mithilfe der Stiftung Denkmalschutz mit solchen Deckenfriesen wieder rekonstruieren. Scharpzow scheint laut Landesdenkmalpflege sogar das einzige Gutshaus in ganz Mecklenburg-Vorpommern mit Pappmaché-Stuck aus der Bauzeit zu sein.
Pappmaché ist nicht nur kostengünstiger, sondern auch sicherer für Bauleute. „Wenn es von der Decke bröckelte, konnte es niemanden erschlagen. Damit warb man im 19. Jahrhundert. Deshalb wurde es sogar bis ins erdbebengeplagte Peru exportiert“, hat sich Nina Hollensteiner informiert. Der Stuck der armen Leute ließ sich leichter, kostengünstiger und auch praktischer in alle Welt verschiffen als das lange verwendete, aber viel teurere Gips.
Passend zum Deckenfries wurden früher auch die damals stark farbigen Tapeten gewählt, da dunkle und gemusterte „Gewänder“ hohe und große Räume gut kleiden. In Scharpzow ist das nun wieder zu erleben. Dunkelrot, königsblau und olivgrün schimmern die Wände. Der Pappmaché-Stuck soll später dazu passen. Kürzlich hatte das Paar eingeladen, den mit schwedischen Tapeten nach historischem Vorbild sanierten Saal zu feiern. Der dank EU-Fördermitteln rekonstruierte Salon, in den einst Literaten wie Hoffmann von Fallersleben und Fritz Reuter einkehrten, soll wieder ein Treffpunkt für Künstler werden.
Zur Salon-Eröffnung kamen denn auch Künstler, Gutshausbesitzer, Denkmal-Fans und Handwerker aus ganz Mecklenburg-Vorpommern. Hollensteiners selbst pendeln zwischen Gut Neuensund bei Pasewalk, das sie ihrer Pferdezucht wegen ebenfalls ausbauen, und Scharpzow.
Das Gutshaus Scharpzow ist das bislang erste und einzige hierzulande, in dem in einer Werkstatt wieder Stuck aus Pappmaché hergestellt wird. Allerdings könnte in mancher mecklenburg-vorpommerschen Villa noch Papierstuck zutage treten. Eine Bestandsaufnahme besteht bereits auf der Homepage papierstuck.de, eine Art Datenbank zu solchen Funden.



