Vor dem ESC-Halbfinale stellt sich die Frage: Was wäre, wenn König Artus nicht die Tafelrunde, sondern eine serbische Dark-Rock-Band gegründet hätte? Das ESC-Halbfinale bietet leider keinen David Attenborough, dafür aber eine finnische Geigerin, die im Notfall einen brennenden Elch beruhigen könnte – und die ehrlichste Darstellung moderner Büroexistenz seit Erfindung der Abwesenheitsnotiz. Von Anja Rützel, 12.05.2026, 17.37 Uhr.
Finnland: Linda Lampenius x Pete Parkkonen – „Liekinheitin“
Man kennt das ja aus dem klassischen Konzertbetrieb: Erst stimmt die Oboe ein, dann erhebt sich würdig die Star-Geigerin, und schließlich tritt aus dem hinteren Bühnenbereich ein Mann durch ein Fenster aus Feuer, als habe André Rieu kurz vor Ladenschluss doch noch einen Baumarkt-Gutschein in der Heimpyro- und Gartenfackelabteilung eingelöst. Linda Lampenius, in weiß-silberner Geigenfeierlichkeit, und Pete Parkkonen, eher auf der dunklen Seite der finnischen Brandschutzordnung angesiedelt, liefern mit „Liekinheitin“ einen Auftritt, bei dem man sich nicht sicher ist, ob hier ein Balzgefecht ausgetragen, ein Elementarschaden beklagt oder die feierliche Eröffnung eines sehr exklusiven Grillseminars besungen wird.
Parkkonen hat dabei diesen angenehm finsteren Musicalverräter-Zug, der einen schmerzlich daran erinnert, dass RTL uns seit zwei Jahren ohne Live-Kreuzweg, Popballadenverrat und Fußgängerzonen-Erlösungslogistik darben lässt. Wie gut hätte dieser Mann bei „Die Passion“ im Halbdunkel einer Kasseler Einkaufspassage stehen und als Judas mit rauchiger Stimme einen Silbermond-Song in Richtung von Heiland Florian Silbereisen zischen können, der in weißem Leinenhemd vermutlich auch noch die Speisung der Fünftausend als „großes Schlager-Überraschungsfest“ anmoderiert hätte? Man darf nicht müde werden, auf diesen Verlust hinzuweisen. Sei’s drum, zurück nach Finnland.
Natürlich ist die Violine ein dankbares ESC-Gerät, weil sie Hochkultur, Pferdehaar und latente Gefahr durch spitze Gegenstände zu einem prickelnden Gefühlsmix vereint. Vielleicht ist dieser Beitrag die finnische Antwort auf alle Länder, die seit Jahren glauben, ein bisschen Pyro am Refrainende reiche für plausible Leidenschaftsvermittlung: Nein, sagt Finnland, bei uns beginnt die Gefühlsarbeit erst, wenn die Löschdecke schon bereitliegt und die Geigerin aussieht, als könne sie im Notfall eigenhändig einen brennenden Elch beruhigen. Im ESC-Kontext gilt das vermutlich schon als ausgewogenes Sicherheitskonzept: maximale Zündelbereitschaft, beaufsichtigt von absoluter Geigenautorität.
Litauen: Lion Ceccah – „Sólo Quiero Más“
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