Ina Deter kehrt zurück: „Neue Männer braucht die Welt“ statt „das Land“
Mit ihrem legendären Lied „Neue Männer braucht das Land“ prägte Ina Deter die 1980er Jahre nachhaltig. Nun, Jahrzehnte später, meldet sich die Sängerin nach langer Pause zurück und stellt fest: Die Zeit scheint sich im Kreis zu drehen. Würde sie den Song heute noch einmal schreiben, so sagt die 79-Jährige, dann hieße er nicht mehr „Neue Männer braucht das Land“, sondern „Neue Männer braucht die Welt“.
Gesellschaftliche Beobachtungen einer kritischen Künstlerin
Dass Ina Deter auch mit bald 80 Jahren noch genau beobachtet, was in der Gesellschaft passiert, wird im Gespräch schnell deutlich. Sie thematisiert Machtmissbrauch und Sexualstraftaten wie jene von Harvey Weinstein und Jeffrey Epstein oder die Geschichte von Gisèle Pelicot. Gewalt gegen Frauen sei nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ein drängendes Thema, betont Deter und äußert sich enttäuscht darüber, dass sie sich mehr Fortschritt erhofft hatte.
Nach einer langen Pause von der Musikwelt kehrt die Berliner Künstlerin nun zurück. Erstmals seit 17 Jahren hat sie mit „Wenn wir nicht brennen“ ein neues Lied aufgenommen. Parallel ist eine Jubiläumsbox erschienen, die ihr musikalisches Schaffen würdigt.
Fortschritte und Rückschläge im gesellschaftlichen Wandel
Gesellschaftliche Fortschritte gebe es durchaus, räumt Deter ein. „Ich hätte mir zum Beispiel nie träumen lassen, dass ich einen Mann sehen würde, der – das Baby vorn auf den Bauch geschnallt – an der Supermarktkasse steht und ein paar Pampers aufs Fließband legt“, erzählt sie. „So etwas gibt's. Auch Männer, die freiwillig einen Kinderwagen schieben. Aber das Gegenteil, das ist so erschreckend.“ Vielleicht sei die Gewalt, die immer da gewesen sei, früher nicht so offen besprochen worden. Das ändere sich nun auch durch Social Media.
Ihr bekanntes Lied von 1982 beginnt mit den Zeilen: „Ich sprüh's auf jede Häuserwand. Ich such' den schönsten Mann im Land. Ein Zettel an das Schwarze Brett – er muss nett sein, auch im Bett.“ Deter sang auch Titel wie „Frauen kommen langsam – aber gewaltig“ oder „Ob blond, ob braun, ob henna – Weihnachten gibt's neue Männer“. Dabei erlebte sie stets Gegenwind. Bis heute kämen neben der Fanpost noch aggressive Nachrichten, berichtet ihr Produzent und früherer Bassist Micki Meuser in Berlin, der diese lieber nicht weiterleitet.
Persönliche Geschichte und künstlerisches Erbe
Zum Interview trägt Deter einen schwarzen Hut mit Goldknöpfen, eine rote Jacke und ein Frauenzeichen mit Herz. Geboren wurde sie zwei Jahre nach Kriegsende in Berlin, wo sie daheim oft gefroren habe. „Im Winter war es Horror. Also so richtig warm war es bei uns nur zu Weihnachten, wo man dann drei Tage hintereinander heizen konnte“, erinnert sie sich. Die Kälte habe sich in ihren Knochen eingenistet. „Ich kann auf alles verzichten, aber der einzige Luxus, den ich mir wirklich leiste, ist eine warme Bude“, erklärt sie.
Schon früh begann sie mit der Musik, hatte eine Mädchenband und ging später als Grafikerin nach Köln. Sie engagierte sich intensiv in der Frauenbewegung und gegen das Abtreibungsverbot. Meuser erinnert sich an Konzerte nur für Frauen, bei denen diskutiert wurde, ob er als Mann auf der Bühne bleiben dürfe. „Ina habe dann immer gesagt: 'Also ohne den Mann da vorne spiele ich nicht'“, so Meuser. „Wir haben angefangen zu spielen, und dann waren es mit die schönsten Konzerte, die ich erlebt habe, weil so eine Herzlichkeit da war, die ich sonst nicht kannte bei gemischten Konzerten.“
Mit ihrer Musik prägten sie den Sound der Neuen Deutschen Welle (NDW) entscheidend mit. Später wurde es ruhiger. Deter erkrankte an Krebs und lebt nach vielen Jahren in Köln und Aachen wieder in ihrer Heimatstadt Berlin. „Als meine Schwester mich vom Flughafen abgeholt und dann endlich mal berlinert hat, dann habe ich gedacht: 'Ja, das ist es. Ich kann es nicht ändern.' Ick war sofort wieder drin“, beschreibt sie ihre Rückkehr.
Rückzug und Wiederkehr
Aus der Öffentlichkeit zog sich Deter lange zurück. Sie besitzt ein Smartphone, hat aber nach eigenen Angaben zu Hause weder Internetzugang noch Computer. Nach ihrer Erkrankung habe sie gemerkt, dass ihr der digitale Stress zu viel sei. Sie wollte nicht mehr morgens am Laptop Mails beantworten müssen oder einen vollen Anrufbeantworter haben. Geschrieben habe sie jedoch immer, auch um die Trauer zu verarbeiten, nachdem zwei frühere Partner starben.
Aktuelle Forderungen und gesellschaftliche Vision
Was würde sie heute auf Wände sprühen? „Neue Männer braucht die Welt“, sagt sie überzeugt. Sie wünscht sich, dass mehr Menschen auf die Straße gehen. „Wo ist die Frauenbewegung von heute? Die sogenannten Influencerinnen. Da bin ich ganz der Meinung von Iris Berben: Sie sollten mal ihren Kopf ein bisschen mehr benutzen als ihren Hintern zur Schau zu stellen“, kritisiert Deter deutlich.
Nur in der Gemeinschaft entstehe eine echte Kraft, so ihre Überzeugung. „Da kannst du noch so angefeindet werden – aber wenn du auf der Straße bist und du trägst das Frauenzeichen hier und hast Plakate vor dir 'Der Paragraf 218 muss weg, mein Bauch gehört mir!', dann ist das eine ungeheure Kraft“, betont sie. „Ich kriege schon wieder eine Gänsehaut.“
Gesellschaftlich sieht Ina Deter noch erheblichen Nachholbedarf. Mit ihrer Rückkehr und ihren klaren Worten bleibt sie eine wichtige Stimme für Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Wandel.



